Wolfgang Steche: Medizinfotografie
Wolfgang Steche fotografiert sehr oft medizinische Themen, darunter sehr viele OP-Situationen. Im OP-Saal zu fotografieren ist sicher
keine alltägliche Situation für Fotografen, nicht nur wegen der technischen und septischen Umgebung; im OP-Saal kann es auch um Leben und Tod gehen. Hier ein kurzes Interview mit Wolfgang Steche über seine Medizinfotografie.
Mir ist aufgefallen, dass Du seit einigen Jahren immer mehr medizinische Themen fotografierst. Hat sich das so ergeben oder war das geplant?
Geplant war es nicht. Es waren verschiedene Ereignisse in meinem Leben, die zu einem Interesse an Medizin und an der Arbeitswelt eines Krankenhauses führten. Durch meine Mutter, die viele Jahre als Krankenschwester in Heidelberg und Hameln tätig war, kam ich schon sehr früh mit der Krankhausatmosphäre in Berührung. Über ihre Schilderungen bekam ich einen Eindruck über die Alltagsabläufe auf den Krankenstationen oder den Verlauf verschiedener Krankheiten. Durch sie habe ich auch unmittelbar miterlebt, welchen Belastungen
das Krankenhauspersonal ausgesetzt ist. Ich sah oft ihren Erschöpfungszustand und wunderte mich, woher sie die Kraft nahm, Menschen nach schweren Operationen zu pflegen und zu begleiten. Nach 12 Jahren quittierte sie ihren Dienst aus gesundheitlichen Gründen, psychisch und physisch war sie dem Druck des Krankenhausalltages nicht mehr gewachsen.
Als ich später selbst zum Patienten wurde, kamen mir diese Bilder immer wieder in den Sinn. Während meiner Bundeswehrzeit erlitt ich einen Unfall, der mich für 6 Monate in ein Sanatorium brachte. Dort erlebte ich unmittelbar, wie Menschen an Lungenkrebs und TB starben. Ich hatte inzwischen durch den Berufsförderungsdienst beim Militär meine Fotografenausbildung erlernt und hatte die Idee, das Krankenhausleben fotografisch zu dokumentieren, womit der damalige Oberarzt einverstanden war.
Die ersten Aufträge von professionellen Fotoreportagen bekam ich von einem Verlag, der mich beauftragte in Bremen am Krankenhaus „Links der Weser", den Alltag eines Arztes zu begleiten. Geplant waren 4 bis 5 Stunden, woraus aber 70 Stunden wurden - mit kurzen Schlafpausen des Arztes. Da wurde mir sehr schnell klar, welche Verantwortung und welches Risiko Ärzte und Personal tragen. Denn in diesen 70 Stunden musste der Arzt über Leben und Tod entscheiden, Politraumen, schwere Verkehrsunfälle, Suizidversuche, Drogenmissbrauch, Schlaganfälle und Herzstillstand behandeln. Dazu Arztberichte schreiben und ständig von Station zu Station eilen, immer mit dem Piepser in Verbindung.
Später, Anfang 2000, bekam ich durch ein Unternehmen, das auf Planung und Logistik von Krankenhäuser spezialisiert ist, die Gelegenheit, bei Organtransplantationen und operativen Eingriffen im OP-Bereich zu fotografieren. Auf den Intensivstationen konnte ich die Arbeit der Krankenschwestern und Pfleger beobachten, verbunden mit vielen Patientengesprächen.
Wie läuft so ein Fototermin im OP ab?
In den meisten Fällen gibt der leitende Arzt die Erlaubnis zum Fotografieren. Dann folgt ein Einweisungsgespräch. Ich bekomme die erforderliche OP-Kleidung und muss den Anordnungen des operierenden Arztes, der OP-Schwester und dem dazugehörigen Personal Folge leisten. Zu den Regeln gehören: keine Patientengesichter ablichten, Abstand zu den OP-Instrumenten halten. Wenn ich einen
bestimmten OP-Vorgang fotografieren will, kann ich den Arzt zu seinen operativen Handlungen befragen, der mir in der Regel bereitwillig Auskunft gibt.
Wie lange dauert in der Regel das Fotografieren? Gibt es Wartezeiten oder ist man schnell mit der Arbeit durch?
Manche Operationen verlaufen ohne Komplikationen und in der Regel dauern diese 2 bis 3 Stunden. Ich hatte aber bei sehr komplizierten
Eingriffen auch schon 6 bis 7 Stunden im OP verbracht. Wenn ich spüre, dass der OP-Verlauf kritisch wird, ziehe ich mich zurück und warte bis ich wieder fotografieren darf. Pausen sollte man machen. Es ist anstrengend, sich auf den zu fotografierenden Augenblick zu konzentrieren. Es geht ja nicht nur um den Eingriff, vielmehr beobachte ich auch das Ärzteteam, wie es mit dem Ablauf der OP zurechtkommt.
Hast Du Angst, Leuten im Weg zu stehen? Gibt es kritische Situationen?
Politraumen sind besonders schwer fotografisch zu begleiten, da es sich häufig um schwere innere Verletzungen handelt. In einem Notfallraum befinden sich oft 8 bis10 Anästhesisten, Chirurgen, OP-Personal und da gilt: so wenig wie möglich im Weg stehen und ganz kritische Momente nicht zu fotografieren. Wenn ein Patient im Sterben liegt, oder der Körper entkleidet ist, hört für mich das fotografieren auf.
Ist Dir beim Fotografieren schon mal schlecht geworden?
Ich habe schon einige Operationen verfolgt, wo es jungen Medizinstudenten und Assistenzärzten schlecht wurde. Ich selbst lasse emotionale Gefühle in solchen Augenblicken nicht zu. Die Kontrolle habe ich und da ich ja selbst sehr angespannt bin, kam dieses Gefühl bei
mir noch nicht.
Hast Du medizinische Kenntnisse? Wenn ja, sind diese nützlich für Deine Arbeit?
Medizinische Kenntnisse habe ich eingeschränkt. Ich lese aber, wenn ich etwas wissen möchte, im Pschyrembel, dem medizinischen Wörterbuch, nach, um komplexe und komplizierte Zusammenhänge der menschlichen Organe zu verstehen. Alles Weitere erfahre ich in Gesprächen mit Ärzten, mit dem Pflegepersonal und Therapeuten nach der Operation.
Wie sind die Beleuchtungsverhältnisse eigentlich vor Ort? Musst Du mit vorhandenem Licht auskommen oder kannst Du selber Licht setzen durch Lampen, Blitze etc.?
Durch die digitale Technik ist es möglich, mit den Lichtverhältnissen klar zu kommen. Einziges Problem sind die Operationslampen, die ein sehr grelles Licht auf den Eingriffsbereich werfen. Hier gibt es mittlerweile LED-Lampen, handlich und klein und mit dem entsprechenden Blitzgerät, welches viele Einstellmöglichkeiten hat, kann man sehr individuell sein Licht setzen.
Wissen die Patienten eigentlich davon, dass während der OP ein Fotograf anwesend ist?
Die Patienten liegen bereits in der Narkose, wenn sie in den OP gebracht werden und bekommen so nicht mit, dass ein Fotograf anwesend ist. Zum Schutz der Persönlichkeit ist zu sagen: ich lichte den Patienten nie ganz ab, es ist immer nur der Körperbereich zu sehen, an dem die Operation vorgenommen wird. Auch für mich gilt eine Schweigepflicht und in den Captions werden niemals Namen oder persönlichen Daten vermerkt.
Hattest Du von Ärzten oder Patienten schon mal ein Feedback zu der Bildveröffentlichung bekommen?
Ein Feedback von den Ärzten habe ich schon häufiger bekommen. Die sind meistens sehr interessiert, die Bilder zu sehen. Die Fotos vermitteln einen Eindruck, den sie selbst als Beteiligte so nie haben. Ich hatte schon erlebt, dass ein Operateur anhand des Fotos erkannt hat, wie gut ein Team im OP funktioniert hat. Eine gute Resonanz bekam ich von einem Herzchirurgen, der mir es ermöglichte, das
Einsetzen einer neuen Herzklappe zu fotografieren. Da fotografiert man dicht am offenen Herzen. Er konnte das Bildmaterial, welches sehr klare Details des Eingriffes zeigte, für seine Vorlesungen gut einsetzen.
Worin liegt für Dich der Reiz in der Medizinfotografie? Was ist der Unterschied zu Deiner sonstigen Arbeit?
Der Anreiz in der Medizinfotografie liegt für mich darin, zu sehen, wie sich in diesem Bereich die Medizintechnik entwickelt, die Technik der minimalinvasiven Eingriffe voran schreitet und ich über meinen eigenen Körper sehr viel mehr erfahre. Es ist wohl die pure Neugier, die mich bewegt.