Journalistische Architekturfotografie
In seinem Fotoprojekt „Orte des Übergangs“ dokumentierte VISUM-Fotograf Gerhard Hagen die europäischen Außengrenzen. Sein neues Buch zeigt die Räumlichkeiten eines Atombunkers. Gerhard Hagen bewegt sich mit seinen Arbeiten außerhalb der klassischen Architekturfotografie.
"Fotografieren streng verboten" galt über 40 Jahre als strikte Vorgabe für das geheimste Bauwerk der Bundesrepublik Deutschland. Erst mit der Aufgabe seiner Funktion und damit auch der Geheimhaltung durch den Kabinettsbeschluss vom 9. Dezember 1997 wurde die Anlage für Aussenstehende zugänglich. Nur vier Jahre später wurde der Regierungsbunker in einer beispiellosen Rückbauaktion weitgehend ausgelöscht, einzig ein kleines Teilstück wurde als Dokumentationsstätte Regierungsbunker erhalten. Insofern geben die Fotografien des ehemaligen Regierungsbunkers ein einmaliges Zeugnis ab vom Unterschlupf der Deutschen Regierung in der Zeit des Kalten Krieges. Festgehalten als historisches Gedächtnis lassen sie den Betrachter eintauchen in die Alltäglichkeit eines drohenden Atomkrieges. Die Fotos von Gerhard Hagen sind in einem Buch erschienen: Der Regierungsbunker. ISBN: 978-3-943123-00-5
Regierungsbunker: militärisches Lagezentrum
Regierungsbunker: Schlafraum des Bundeskanzlers
Regierungsbunker: Kommandozentrale
Architektur-Fotografie als Abbild des Lebens -
Gerhard Hagen im Gespräch mit Jan Esche über Haltungen und Ansprüche, Chancen und Risiken der Architektur-Fotografie
JE: Fotografie als Seismograph. Mit dieser Metapher ist Ihre Arbeit zu verdeutlichen. Nach Ihrem Verständnis heißt es, aus eigener Initiative zu versuchen, aktuellen, lokalen und kulturellen Ereignissen nachzuspüren und zu fotografieren. Lassen Sie mich mit einer ganz banalen Frage beginnen: Was hat Sie als Fotograf am Sujet der Architekturfotografie gereizt?
GH: Da gibt es einige Erlebnisse oder Begebenheiten, die mich über die Architektur-Fotografie nachdenken ließen. Ich habe während meines
Studiums in Dortmund in einer Werbeagentur mit Fotostudio gearbeitet, da musste immer der Assistent, der Praktikant oder der Lehrling die recht selten anfallenden Architekturfotos machen. Die Meinung war, man stellt sich einfach vors Haus, drückt auf den Auslöser und fertig ist das Bild. Das kam mir schon arg seltsam vor.
Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass die Studioarbeit nichts für mich ist. Immer drin, unter künstlichen Sonnen – nein, das war es nicht. Ich ging im Winter in der Dunkelheit früh ins Studio und als ich rauskam, war es schon wieder dunkel. Ich wollte also raus.
Gleichzeitig hatte ich schon immer Interesse an der Architektur. So lag es nahe, mich während des Studiums mal an der Architektur-Fotografie
zu versuchen. Und dabei ist es geblieben. Es reizt mich auch heute immer wieder aufs Neue, einer gebauten Architektur durch vermeintlich einfache gestalterische Mittel wie u.a. Entfernung zum Gebäude, Ausschnitt, Blickwinkel, Warten auf den richtigen Sonnenstand Bilder »abzujagen«. Also über das rein Dokumentarische hinauszugehen und die Intention des Architekten, die Aussage der Architektur und vor allem den Lebensraum der Menschen in der Architektur zu zeigen. Und damit vielleicht auch in einen Dialog mit dem Betrachter zu treten
Regierungsbunker: Tor einer Umgehungsschleuse
Regierungsbunker: Friseursalon
JE: Zurück zur Architektur-Fotografie: Was heißt das? Wie gehen Sie Projekte an? Womit fangen Sie an?
GH: Zu Beginn eines jeden Projekts steht die Besichtigung der Baustelle oder des fast fertigen Gebäudes. Oft hat der Auftraggeber schon Vorstellungen von Blickwinkeln oder Ideen, welcher Aspekt eines Gebäudes besonders heraus zu arbeiten ist. Diese Bildideen setze ich dann natürlich um. Gleichzeitig »springen« mich bereits bei der ersten Begehung Bilder an: Ich sehe räumliche und inhaltliche Beziehungen, ich sehe die Menschen, die irgendwann die Architektur nutzen werden. Ich gehe durch das Gebäude und sehe Linien, Schnittpunkte, Räume, die sich je nach Standpunkt zu einem Bild und zu einer Aussage verdichten. Und diesen optimalen Standpunkt gilt es dann einzunehmen und von dort aus zu fotografieren.
Der Rest ist Technik. Es muss vielleicht hier und dort etwas verräumt werden oder es muss unter Umständen – etwa bei Dämmerungsaufnahmen – für die richtige Aus- und Beleuchtung des Gebäudes gesorgt werden. Wobei ich hier betonen möchte, dass ich fast immer mit dem natürlichen Licht im Gebäude fotografiere – ich versuche also die Beleuchtung und die Lichtstimmung, die der Architekt geplant hat, zu zeigen. Ebenso benutze ich keine übermäßige Bildbearbeitung, um ein Bild »aufzupeppen«. Natürlich müssen die grundlegenden Parameter wie Helligkeit, Kontrast, Farbstimmung eingestellt werden, aber darüber hinaus soll das Bild natürlich bleiben und durch den Bildaufbau, die Gestaltung und die Aussage überzeugen.
Regierungsbunker: Seitenstollen/Innentanklager
JE: Architektur ist schön, Architektur ist aufregend, Architektur ist lebendig, oder...?
GH: All dies zusammen. Aber in erster Linie ist Architektur Lebensraum, Arbeitsraum, Raum für Menschen. Architektur umgibt uns permanent, in unserem Alltag, in unserem Leben. Wir leben in gebauten Räumen, selbst die Landschaft, die unsere Städte umgibt ist geplant, ist Kulturlandschaft, geprägt durch Menschen und deren Arbeit. Unsere Städte sind natürlich gewachsen, sind größer geworden, über die historischen Stadtmauern hinaus, wurden zerstört und wieder aufgebaut und sind nun das Ergebnis von ihrer Geschichte und der Architektur aus verschiedenen Epochen. Wenn Sie so wollen: Architektur ist Evolution und im wahrsten Sinne des Wortes Fortschritt.
Somit verstehe ich – der Fotograf als Treuhänder des Auftraggebers wie des Betrachters – Architektur als geplanten und gebauten Lebensraum für uns Menschen. Ich versuche so die Architektur in meinen Fotos zu zeigen.
Aus "Grenzen - Orte des Übergangs": Hütten in einem Flüchtlingslager in Patras, Griechenland. Die ausschliesslich männlichen Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak haben es auf dem Landweg bis in die griechische Hafenstadt Patras geschafft und versuchen nun auf eine Fähre nach Italien zu kommen. Im Flüchtlingslager in Patras gibt es weder fließendes Wasser noch Strom. Die Einwohner haben sie aus Planen und Pappe Hütten gebaut.
Aus "Grenzen - Orte des Übergangs": Leitern, mit denen Flüchtlinge aus Afrika den Zaun überkletterten. Melilla ist eine spanische Exklave in Nordafrika und grenzt an Marokko und das Mittelmeer. Um die Stadt ist ein Zaun gezogen, der die Flüchtlinge aus Zentralafrika abhalten soll. Immer wieder versuchen allerdings verzweifelte Menschen, die bereits den halben Kontinent durchquert haben und alles in ihren Heimatländern aufgegeben haben mit Leitern in die "Festung Europa" zu gelangen.
JE: Architektur-Fotografie und Bildjournalismus, schließt sich das aus?
GH: Nein, ganz im Gegenteil. Hier möchte ich etwas ausholen und über mein Studium und meine bisherige Arbeit reden. Im Studium habe ich
sowohl Architektur fotografiert als auch bildjournalistisch gearbeitet. Meine Diplomarbeit war eine Gegenüberstellung von Regierungsbunkern der DDR und der BRD aus der Zeit des Kalten Krieges. Diese Arbeit war zum einen natürlich Architekturfotografie, es ging ja dabei um Räume und Orte, gleichzeitig war es zum anderen eine journalistische Arbeit über den Wahnsinn des Wettrüstens, eine Spurensuche nach den Menschen, die in den Bunkern zeitweise lebten. Nach meinem Studium habe ich für eine Presseagentur und für die großen Magazine wie Stern, Spiegel, Focus oder Max gearbeitet, bis ich mich dann hauptsächlich der Architekturfotografie zugewendet habe.
Dieser bildjournalistische Hintergrund hilft mir jetzt dabei, Gebäude und auch schon Baustellen mit Leben zu füllen. Wie schon erwähnt stelle ich mir schon bei der ersten Besichtigung einer Baustelle und somit noch vor der Fertigstellung eines Gebäudes vor, wie in dem fertigen Gebäude Menschen arbeiten, wohnen und leben. Ich gehe also vom Menschen aus und stelle mir vor, wie sich der Mensch in seiner neuen Architektur einrichten wird. Dies versuche ich in meinen Bildern zu zeigen.
Dann, bei der praktischen Arbeit des Fotografierens der fertigen Architektur, fällt es mir durch meine journalistische Tätigkeit recht leicht, Menschen mit ins Bild zu nehmen und sie für meine Bildideen zu begeistern.
JE: Wo liegen für Sie Chancen, aber auch Risiken Ihrer Arbeit?
GH: Die große Chance für mich und meine Auftraggeber ist, dass ich durch die täglich neue Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Formen von Architektur stets mit Neugier und Konzentration an ein Projekt herangehe. Ich versuche, den passenden Blickwinkel immer wieder neu für das jeweilige Gebäude zu finden und verfalle nicht in Mechanismen nach dem Motto »Das-habe-ich-ja-gestern-auch-schon-so-gemacht,-das-passt-heute-auch«.
Eine weitere Chance der Fotografie allgemein – nicht nur der Architektur-Fotografie – liegt im Transportieren, der Verdichtung einer Aussage. Bezogen auf die Architektur-Fotografie heißt dies, dass ich durch Fotos verschiedene Raumbeziehungen im Gebäude, verschiedene Nutzungen und auch die Intention des Architekten sichtbar und auch kommunizierbar machen kann.
Ein Risiko liegt darin, dass die Architektur-Fotografie dazu verleiten kann, immer das Gebäude von seiner schönsten Seite aus zu zeigen und dabei vielleicht »störende« Bebauung neben dem zu fotografierenden Gebäude einfach wegzuschneiden. Deshalb ist es für mich wichtig, immer auch Bilder des Gebäudes im Kontext der Landschaft oder der umgebenden Bebauung zu fotografieren.
Aus "Grenzen - Orte des Übergangs": Strassenszene in Ivalo, Finnland. In der Nähe von Ivalo liegt der nördlichste Grenzübergang nach Russland/Sibirien.
JE: Sie haben einmal von »Unorten« im öffentlichen Raum gesprochen, was heißt das?
GH: Unorte, das sind Orte, an denen keine Entwicklung passiert, an denen ein Ende erreicht ist. Es können Orte sein, die zufällig – wie in einer Stadt – zwischen gestalteten Objekten übrig bleiben, Plätze oder Baulücken, die seltsam unwirklich mitten in Städten liegen. Unbeachtet von den Passanten, man geht über sie einfach hinweg, sie sind keines Blickes würdig. Unorte sind aber auch unwirkliche Orte, die durch
»Planungen auf der grünen Wiese« entstehen können. So gibt es riesige Einkaufszentren abseits von Städten, dies sind meiner Meinung nach auch Unorte.
Unorte finden sich aber auch bei meiner Arbeit über europäische Grenzen. Grenzen sind einerseits Übergänge hin zu Nachbarn oder zu anderen Ländern. An Grenzen kann ein Öffnen stattfinden, ein Zusammenwachsen. Es kann aber auch genau das Gegenteil passieren, Zäune sorgen für Abschottung, Flüchtlinge kommen an den Grenzen an und werden meist sofort in Gewahrsam genommen und wieder abgeschoben. Manche Orte am Rand von Europa wirken vergessen vom Rest der Welt. Dort, am äußersten europäischen Rand, fand ich teilweise auch Unorte. Unwirkliche Orte, bereit zum Aufbruch in ein gemeinsames Europa, dabei von Vielen unbeachtet und vergessen.
JE: Schwarz/Weiß und Farbe: Askese versus Sinnlichkeit?
GH: Für mich ganz klar, ich bin bekennender Farbfotograf, ich liebe die Farbe in meinen Fotos.
Natürlich reduziert Schwarz/Weiß eine Architektur auf Linien, Formen und Flächen. Und natürlich muss der Fotograf, der Schwarz/Weiß fotografiert, mit weniger Gestaltungsmitteln auskommen. Er hat eben nur zwei Farben – Schwarz und Weiß – und deren Abstufungen und Mischungen zur Verfügung. Und somit erscheint der Schwarz/Weiß-Fotograf asketisch gegenüber dem Farbfotografen, der aus der vollen Palette schöpfen kann. Für mich und meine Arbeit käme mir allerdings die Beschränkung auf Schwarz/Weiß wie eine Beschneidung meiner Möglichkeiten vor, ein meiner Meinung nach unnötiges Weglassen einer sehr wichtigen Gestaltungsdimension: der Farbe.
In meiner freien Arbeit über europäische Grenzen erschiene mir zudem das Fotografieren in Schwarz/Weiß als zu vorbelastet. Ich will damit sagen, dass meiner Meinung nach die Schwarz/Weiß-Fotografie und vor allem die Schwarz/Weiß-Reportage schon allein durch die Tatsache des Weglassens der Farbe für sich eine Art Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit aber auch Tragik reklamiert. Dies hat natürlich erst einmal nichts mit dem Schwarz/Weiß-Bild zu tun, sondern vor allem mit der Fotogeschichte und mit unserer Erinnerung an Reportagen aus Kriegszeiten beispielsweise. Ich glaube, durch die Kenntnis der Kriegsfotos eines Robert Capa oder der Porträts der amerikanischen Landbevölkerung zu Zeiten der großen Depression in Amerika von Walker Evans, die ja allesamt Schwarz-Weiß fotografiert wurden, unterstellen wir dem Schwarz-Weiß-Bild – auch dem heute fotografierten Schwarz-Weiß-Bild – automatisch die bereits erwähnte Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit.
In meiner Auftragsarbeit, die sich hauptsächlich mit moderner Architektur beschäftigt, bin ich auf die Farbe angewiesen. Denken Sie an die Farbgestaltung moderner Gebäude, im Außen- wie auch im Innenbereich. Architekten machen sich Gedanken über Farbkonzepte und vor allem deren Wirkung auf uns Menschen in Wohn- oder Bürohäusern. Oder stellen Sie sich Lichtplanungen vor, Fassaden werden farbig beleuchtet, Plätze erhalten ein farbiges Lichtkonzept in der Nacht, die AllianzArena zeigt durch die farbige Beleuchtung, wer gerade in ihr spielt. Hier wäre es für mich und meine Auftraggeber undenkbar, nicht in Farbe zu fotografieren.
Ich sehe die Welt farbig, und ich sehe ganz klar die Farbe als Gestaltungsmittel, als Ausdrucksmittel, welches ich mir nicht wegnehmen
möchte durch die Beschränkung auf Schwarz/Weiß.
Aus "Grenzen - Orte des Übergangs": rumänische Flagge im Mündungsbereich der Donau ins schwarze Meer.
JE: Lassen Sie mich mit einer ganz persönlichen Frage schließen: Immer wieder der Macht schöner Bilder und dem auf das Surrogat gerichteten Interesse des Zeitgeistes entgegen zu fotografieren, lautet einer Ihrer Maxime: Ein anspruchsvolles Ziel, sind Sie dem mehr oder
weniger nahe gekommen?
GH: Ich bemühe mich immer, neben der Ästhetik auch noch eine Aussage in meine Fotos zu legen. Natürlich mache ich schöne und ästhetische Bilder, natürlich sollen meine Fotos formal bestechen, natürlich sollen sie gut gestaltet sein und natürlich müssen sie technisch perfekt sein. Nur möchte ich darüber nicht die Aussage verlieren. Ich möchte die Architektur als Lebensraum von Menschen darstellen, zum Arbeiten, Wohnen, Leben. Und nicht als leere ästhetische Hülle.
Es gibt auch einige Fotos in meiner Arbeit über Grenzen, die auf den ersten Blick sehr idyllisch wirken. Denken Sie an das Foto einer fast
schon biblischen Landschaft in Melilla – erst auf den zweiten Blick sieht man den Zaun, der die spanische Enklave von Afrika trennt. Hier benutze ich die Ästhetik einer wunderschönen Landschaft, um den harten Schnitt des Zauns zu zeigen. Oder der Schiffsfriedhof auf Lampedusa, man sieht verfallene Schiffe in schönen kräftigen Farben, bis man erkennt, dass die Boote allesamt aufgegriffene und zerstörte Flüchtlingsboote sind.
So versuche ich, mir die Ästhetik und die Gestaltung meiner Fotos zunutze zu machen, um damit Aussagen zu treffen. Und ja, ich glaube schon, dass ich dem in Ihrer Frage erwähnten Ziel etwas näher gekommen bin, wobei ich noch lange nicht am Ziel selbst angekommen bin.
Die Fragen an Gerhard Hagen stellte Dr. Jan Esche, Architekturkommunikation und Objektleitung Süddeutscher Verlag onpact, München und Lehrbeauftragter Hochschule München, Fakultät Architektur.
Aus "Grenzen - Orte des Übergangs": Badende am Schwarzen Meer in der Nähe von Sulina, Rumänien.
Aus "Grenzen - Orte des Übergangs": Denkmal in Rawa Ruska, Ukraine, Grenze zu Polen.
Copyright der Fotos: Gerhard Hagen
"Journalistische Architekturfotografie" im VISUM Blog 2011
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