Fotografen vor der Kamera
Sich als Künstler mit berühmten Kollegen auseinanderzusetzen, ist an sich eine besondere Situation. VISUM-Fotografin Birgit Kleber hat sich darauf eingelassen. Für ihr gerade erschienenes Buch Photographers hat die 55jährige internationale Kollegen porträtiert – Fotografen, die für die Geschichte des Mediums prägend gewesen sind.
Egal ob mittlerweile verstorbene Legenden wie Gisèle Freund und Ellen Auerbach oder ob aktuelle Trendsetter wie Jürgen Teller oder Peter Lindbergh. Immer sind Kleber dabei Künstlerporträts von schonungsloser Offenheit und eindrücklicher Menschlichkeit gelungen. Ralf Hanselle sprach mit der Fotografin über diese oft sehr persönlichen Begegnungen mit berühmten Kollegen. Der VISUM-Blog dankt der Zeitschrift PROFI FOTO für die zur Verfügungstellung des Interviews.
Profifoto: Frau Kleber, was verrät das Auge über das Sehen?
Birgit Kleber: Streng genommen natürlich nichts.
Profifoto: Und doch haben Sie in den letzten Jahren an einer Serie gearbeitet, die mit der Illusion spielt, man könnte sich die Welt in gewisser Weise über ihre Umkehrung erschließen. Sie haben darin die Gesichter von über 50 Fotografen porträtiert - von Leuten, die normalerweise eher hinter als vor der Kamera stehen; die eher sehen, als das sie gesehen werden.
Birgit Kleber: Das stimmt. Die Augen sind auch etwas sehr Wichtiges bei diesem Projekt gewesen. Ich habe den Schärfepunkt bei nahezu allen Bilder auf die unteren Wimpern gelegt. Damit sind natürlich automatisch die Augen scharf geworden. Der Rest des Gesichts konnte ruhig etwas verschwommener sein.
© Birgit Kleber
Profifoto: Die Augen von Fotografen scheinen ja etwas ganz besonders zu sein. Mit ihnen sehen sie die Welt und mit ihnen sagen sie uns, wer wir sind. Vom Auge des Fotografen scheint also eine gewisse Macht auszugehen.
Birgit Kleber: Fotografen zeigen uns mit ihren Bildern ihren subjektiven Eindruck, von der Welt und – bei Porträts – von uns. Manchmal stimmen die Porträts von Fotografen mit unserem Selbstbildnis überein. Dann erkennen sich Menschen in den Fotos wieder. Und manchmal eröffnen uns die Bilder von Fotografen ganz neue Perspektiven, so dass wir erstaunt sagen: So habe ich das – oder mich – noch nie gesehen! Insofern haben Fotografen vielleicht tatsächlich so etwas wie Macht, weil sie, im besten Fall, unseren Blick auf die Welt und auf uns selbst verändern können.
Profifoto: Was hat Sie denn ursprünglich auf die Idee gebracht, ausgerechnet Fotografen zu fotografieren?
Birgit Kleber: Die Porträtfotografie ist für mich eine Möglichkeit, Menschen kennenzulernen. Und wen würde man als Fotograf lieber kennenlernen, als seine Kollegen? In der Regel kennt man von ihnen ja nur die Arbeiten. Und die sind für mich oft der Anlass dafür, mehr wissen zu wollen. Ich will sehen, was für ein Mensch dahintersteckt. Das ist in der Fotografie ja meistens anders als in der Malerei oder der Bildhauerkunst. Da weiß man zumindest von den Bekanntesten, wie sie aussehen. Die Gesichter von Fotografen aber kennt man kaum. Die bleiben für gewöhnlich versteckt auf der anderen Seite der Kamera.
Bruno Stevens / © Birgit Kleber
Profifoto: Ihr Projekt spielt genau mit dieser Umkehrung. Sie zeigen das, was normalerweise im Verborgenen bleibt. Es ist wie ein Blick in einen Spiegel.
Birgit Kleber: Ja, ich wollte das Buch auch zunächst „Spiegel-Reflex-Kamera“ nennen. In diesen drei Begriffen wird für mich die ganze Idee präzise auf einen Punkt gebracht. Es geht um Spiegelbilder. Ich spiegele mich in dem Fotografen und der Fotograf spiegelt sich in mir. Der Verlag meinte dann aber, dass ein solcher Titel etwas zu technisch klänge. Also haben wir das Buch schlicht Photographers genannt. Ein Titel, mit dem ich letztlich sehr zufrieden bin.
Cindy Sherman / © Birgit Kleber
Profifoto: Sie haben für dieses Projekt Porträts von zahlreichen namhaften Fotografen der Gegenwart gemacht. Von Ellen Auerbach bis Nan Goldin. Wie ist das, wenn man diesen Menschen den Platz auf der anderen Seite der Apparatur zuweist?
Birgit Kleber: In der Regel waren die Fotografen, die ich für dieses Projekt angesprochen habe, sehr offen und hilfsbereit. Mit manchen hat mich später auch eine Art Freundschaft verbunden. Ellen Auerbach zum Beispiel habe ich in den letzten Jahren ihres Lebens mehrmals in New York besucht. Andere, wie Barbara Klemm, haben mir zu verstehen gegeben, dass es für sie eine Selbstverständlichkeit sei, eine Kollegin auf diese Weise zu unterstützen. Fast alle haben also sehr gerne mitgemacht. Selbst die, die allgemein eher als verschlossene und scheue Charaktere gelten – wie zum Beispiel Cindy Sherman.
James Nachtwey / © Birgit Kleber
Profifoto: Und doch kann ich mir vorstellen, dass es den Fotografen zuweilen schwergefallen sein muss, die Rollen zu tauschen. Für gewöhnlich sind sie es ja, die im Prozess des Fotografierens die Kontrolle innehaben. Und nun mussten sie mit einem Mal diese sehr bequeme Position abgeben.
Birgit Kleber: Für einige ist das tatsächlich ein Problem gewesen. Ich glaube, es ist ein oder zweimal vorgekommen, dass sich das Gegenüber nicht aus seiner gewohnten Rolle herauszulösen verstanden hat. Diese Porträts sind ja alle auf eine ganz bestimmte Art inszeniert worden. Jeder musste vor der Kamera eine ganz bestimmte Pose einnehmen. Ich habe die Fotografen und Fotografinnen aufgefordert, sich mit ihrem Oberkörper ein wenig nach vorne zu beugen. Meistens habe ich ihnen die von mir gewünschte Haltung im Vorfeld vorgemacht. Zweimal ist es dabei tatsächlich vorgekommen, dass sich mein Gegenüber nicht auf den Rollentausch einlassen konnte. Es hat zu sehr sehen wollen, was ich gesehen habe. Und genau diese fehlende Bereitschaft zum Perspektivwechsel sieht man dem fertigen Bild am Ende auch an.
Fototermin mit F.C. Gundlach / © Gesine Pannhausen
Profifoto: Aber auch Sie mussten sich für dieses Projekt auf eine sehr ungewohnte Art auf einen neuen Prozess einlassen. Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass man sich derart ungeschützt dem Auge und dem Urteil von anerkannten Größen stellen muss – Sie haben immerhin Legenden wie Gisèle Freund oder Barbara Klemm vor Ihrer Kamera gehabt. Warum setzt man sich den Blicken solcher Ikonen aus?
Birgit Kleber: Das war natürlich jedes Mal eine extreme Herausforderung. Zuweilen habe ich mich auch wirklich vor den einzelnen Porträtsitzungen gefürchtet. Bei vielen Begegnungen habe ich mich total nackt gefühlt. Das ist für mich die extremste Form der Porträtfotografie. Oft gingen mir beim Fotografieren Fragen durch den Kopf: Was denkt das Gegenüber jetzt? Sieht es meine Fehler? Erkennt es meine Unsicherheiten? Andererseits habe ich festgestellt, dass meine Arbeit durch diesen Druck besser geworden ist. Ich brauche eine gewisse Form von innerer Spannung. Am besten bin ich, wenn ich im Vorhinein ein bisschen Angst habe.
Robert Lebeck / © Birgit Kleber
Profifoto: All diese Porträts sind mit einer Kleinbildkamera ohne Stativ und ohne Kunstlicht entstanden. Warum haben Sie die Fototermine so pur und natürlich gestaltet?
Birgit Kleber: Ich finde, dass in der Fotografie nichts über reines Tageslicht geht. Wenn man weiß, wie man das natürliche Licht einsetzen muss, dann ist das unschlagbar. Ich habe vor vielen Jahren einmal einen Workshop bei Berenice Abbott gemacht. Diese damals bereits alte Dame hat mir alles zum Thema Tageslicht beigebracht, was man wissen muss. Dadurch habe ich viel Grundlegendes gelernt. Ich nutzte heute fast immer das Licht vis-à-vis von einem Fenster – am liebsten von einem Fenster, das nach Norden rausgeht. Wenn dann noch bedeckter Himmel ist, dann ist es perfekt.
Nan Goldin / © Birgit Kleber
Profifoto: Bis auf Ihre Aufnahmen von Alice Springs, Annie Leibovitz und Ilse Bing verwenden Sie En-face-Aufnahmen. Für diese haben Sie mit Ihrer Kamera ausschließlich das Gesicht des jeweiligen Fotografen anvisiert. Warum zeigen Sie nicht den ganzen Körper?
Birgit Kleber: Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich gerne auch noch von Ilse Bing ein solches „Gesichtsporträt“ gemacht hätte. Leider hat sich das nicht mehr ergeben. Ilse Bing ist ja 1998 bereits gestorben. Ohnehin interessieren mich bei meiner Arbeit sehr die älteren Fotografen - die, die noch unter ganz anderen Umständen und mit ganz anderen Mitteln gearbeitet haben. Ich würde sehr gerne auch noch ein Porträt von Robert Frank oder von Robert Häusser machen. Bis jetzt hat sich dazu leider nicht die Gelegenheit ergeben. Generell denke ich, dass die Konfrontation mit einer Person viel größer ist, wenn ich direkt an ihr Gesicht herangehe.Wenn ich als Fotograf jedoch weiter von einem Menschen entfernt bin, dann hat das Gegenüber auch viel mehr Möglichkeiten, mir auszuweichen. Ich denke, dass man alles Wesentliche eines Menschen bereits im Gesicht sehen kann. Ein Porträt zeigt von diesem Wesentlichen natürlich immer nur einen Ausschnitt. Es beleuchtet einen winzigen Aspekt einer Person.
Konrad R. Müller / © Birgit Kleber
Profifoto: Die eben von Ihnen erwähnte Ilse Bing hat einmal gesagt, dass man in einem guten Foto ein durch ein anderes Auge objektiviertes Wesen erblicke. Würden Sie dem zustimmen?
Birgit Kleber: Meine Bilder sind subjektiv. Die Aussagen, die ich über eine andere Person treffe, haben keine Allgemeingültigkeit. So gesehen blickt man auf meinen Porträtbildern in die Augen eines von mir subjektivierten Wesens.
Peter Lindbergh / © Birgit Kleber
Profifoto: Und doch haben Sie versucht, all diese Menschen auf eine möglichst einheitliche Art abzubilden – fast könnte man geneigt sein, von Gesichtstypologien zu sprechen. Wollten Sie mit dieser Methode eine Vergleichbarkeit erzielen?
Birgit Kleber: Um Vergleichbarkeit ging es mir dabei weniger, denn ich glaube nicht, dass man Menschen vergleichen sollte oder kann. Mir ging es um ein einheitliches Format im Sinne von Konzept und um eine Handschrift bei den Bildern, die der Betrachter sofort wiedererkennt.
Thomas Hoepker / © Birgit Kleber
Profifoto: Wenn man solch berühmte Menschen kennenlernt, dann hat man im Vorhinein vermutlich stets ein Bild im Kopf. Wie oft mussten Sie dieses Bild hinterher revidieren?
Birgit Kleber: Ganz selten. Für gewöhnlich hat sich das Bild eher verfestigt. Eine Ausnahme ist aber sicherlich James Nachtwey gewesen. Da habe ich einen ganz anderen Typen erwartet. Man stellt sich so einen Kriegsfotografen ja eher wie einen Draufgänger vor. Nachtwey aber ist das genaue Gegenteil. Er ist ein feiner, fast schüchterner Mensch. Er sieht eher aus wie ein klassischer Gentleman oder wie ein Hollywood-Schauspieler. Erstaunlich fand ich auch die Begegnung mit Peter Lindbergh. Mit ihm habe ich mich auf Anhieb gut verstanden – auch weil er sich komplett auf meine Art der Porträtfotografie eingelassen hat. Stets hat er mit dabei das Gefühl gegeben, auf Augenhöhe mit ihm zu sein. Deswegen war das ein „leichter“ Fototermin für mich.
Saul Leiter / © Birgit Kleber
Profifoto: Und wieder bleibt auch bei Ihrem Projekt eine Person unsichtbar. Ein Gesicht fehlt: Das Ihrige! Angenommen, Sie müssten Vorder- und Rückseite der Kamera in einem Zirkelschluss zusammenbringen. Welches Porträt würden Sie dann von sich selber machen?
Birgit Kleber: Ich habe vor drei Jahren tatsächlich mal ein solches Selbstporträt gemacht. Ich brauchte damals dringend ein Foto von mir und musste feststellen, dass ich keines hatte. Also bin ich zur Tat geschritten. Ich habe mich genau so vor meine Kamera gestellt, wie ich sonst die anderen Fotografinnen und Fotografen davorgestellt habe. Ich habe mir selbst das gesagt, was ich denen gesagt habe: ‚Setz‘ dich hin! Schaue ernst!‘ Das war eine sehr interessante Erfahrung: Denn da habe ich erstmals gemerkt, wie es sich anfühlt auf der anderen Seite der Kamera.
Birgit Kleber
Photographers
Birgit Klebers Fotografen-Portraits sind vor wenigen Wochen in einem Buch des Berliner Jovis-Verlages mit dem Titel Photographers erschienen. Das Vorwort schrieb Klaus Honnef.
Hier die vollständigen Verlagsangaben zum Buch:
Sich als Künstler mit berühmten Kollegen auseinanderzusetzen, ist an sich eine besondere Situation und sicherlich die existenziellste Form des Künstlerporträts. Birgit Kleber hat internationale Fotografen porträtiert, die für die Geschichte der Fotografie prägend sind und deren Bilder das Sehen auf die Welt verändert haben. Ihre Porträts sind immer inszeniert: Sie gibt Regieanweisungen, fordert statische Körperhaltungen, geht dabei dicht an die Gesichter heran und will für ein paar Minuten die volle Konzentration ihres Gegenübers. Sie sucht dabei genau jenen Moment, wo sich der andere dagegen zu wehren beginnt. Und gerade damit betont und verstärkt sie die schon bestehende Spannung der fotografischen Situation. Das Konzept wird bis auf die Spitze getrieben, denn sämtliche Tricks und Techniken sind beiden Seiten, der Fotografin, aber auch ihrem Modell, bekannt: ein Ausweichen ist nicht möglich. Das Ergebnis sind Künstler-Porträts von schonungsloser Offenheit und eindrücklicher Menschlichkeit.
Birgit Kleber, geboren 1956 in Hannover/Deutschland, lebt als Fotografin und Künstlerin in Berlin. Sie erhielt mehrere Stipendien und hatte Ausstellungen im In- und Ausland.
Hardcover 17 x 22 cm
96 Seiten mit ca. 55 s/w Porträts
Deutsch/Englisch
EUR (D) 28,00 SFR 38,00
ISBN 978-3-86859-133-0
Fotografen vor der Kamera
im VISUM-Blog, Juli 2011.
©alle Fotos: Birgit Kleber oder wie angegeben
©Interview: PROFIFOTO
VISUM dankt der Fotografin und der Zeitschrift PROFIFOTO.
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