Es war einmal in Australien

Die Idee klingt einfach: die 100 besten Fotografen der Welt fotografieren an einem bestimmten Tag das alltägliche Leben in Australien. Vor 30 Jahren fand eines der bis dahin größten Projekte im Fotojournalismus statt, welches bis heute als Vorbild fotografischer Gruppenprojekte dient : „A Day in the Life of Australia“. Aus Deutschland nahmen die beiden Fotografen und VISUM-Gründer Gerd Ludwig und Rudi Meisel teil. Für den VISUM-Blog erinnert sich Rudi Meisel an die damaligen Ereignisse:

Nach Australien! Die Einladung dorthin kam ganz ohne unser Zutun. Gerd war gleich oben auf, während ich erst daran glaubte, als die Erste-Klasse-Flugtickets von Quantas mit unseren Namen ins VISUM-Büro kamen. Es ist 1981, also 30 Jahre zurück. VISUM war Ende 1978 von Essen in die Isestrasse nach Hamburg gezogen. Wir waren damals 5 Gesellschafter zu gleichen Teilen: Regine Grumbach, Gerd Ludwig, Georg Fischer, Dirk Reinartz und ich, Rudi Meisel. Damals waren wir ganz gut im Geschäft mit freien Themen und redaktionellen Aufträgen für ZEITmagazin, art, MERIAN, stern, GEO, Brigitte, Emma, Weltwoche, TIME und Life sowie für Werbeagenturen wie McCann, Wilkens, Young & Rubicam, JWT, Lintas, Ogilvy & Mather.

Und dann kam für Gerd und mich diese Einladung nach Australien von Rick Smolan, der mit Andy Park und „100 der weltweit führenden Fotografen“ am Freitag, dem 6. März 1981 „A Day in the Life of Australia“ fuer ein fast 300 Seiten dickes Coffeetable-Book machen wollte. Für uns zunächst eine unglaubliche, ja fast unglaubhafte Geschichte. Letzten Sommer beim Fotofestival Lumix in Hannover erfuhr ich, dass auch Volker Hinz, damals wie heute beim stern, von Rick nach Australien eingeladen war, aber wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht reisen konnte. Volker wäre der Dritte aus Hamburg gewesen.

 

 

"Dear Photographer..."  Am 5. November 1980 verschickte Rick Smolan seine Einladungen an 100 Fotografen. Vorausgegangen waren zwei Jahre Vorbereitungen, vor allem die Suche nach Sponsoren, bei der rund 400 Firmen kontaktiert wurden. Das Einladungsschreiben ist im später erschienenen Bildband abgebildet. 

 

Ein wenig Zeitkolorit sei angemerkt: es gab noch auf Jahre kein Fax, kein Mobiltelefon, kein Mail oder gar Internet für uns. Aber wir hatten im Büro natürlich eine Telefonanlage und ein Telex, also einen Fernschreiber, der eine Schreib-Maschine in einem Holzkasten war mit Fenster für das Rollenpapier, einer Tastatur und eine Klingeltontaste zum Aufmerksam machen des Empfängers bei Dringlichkeit. Natürlich gab es das Telegramm oder die Eilbotenzustellung per Post. Kurierfahrten aber nur innerhalb von Großstädten.

Georg war gerade in Chile mit Wolf Schneider für GEO auf dem Weg nach Patagonien, als Gerd und ich am Mittwoch, 25. Februar 1981, mittags von Hamburg über Frankfurt nach Australien abflogen. Ein Vulkanausbruch auf Java oder Sumatra brachte uns von der geplanten Route ab, irgendwo auf der Strecke streikte ein Bodenpersonal. In Bombay oder Singapur stießen Alex Webb und Dilip Metha unerwartet zu uns, ebenso auf dem Weg zu „A Day in the Life of Australia“. Vierzig Stunden nach Hamburg erreichten wir Sydney.

Alle 100 Fotografen mit gut einem Dutzend vom Projektteam waren in einem grossen internationalen Hyatt oder Hilton in Doppelzimmern untergebracht, wie es sich charmant in der Einladung las: „If you take advantage of our hotel accommodation during the four days you stay in Sydney, you will share a twin room with a famous photographer at absolutely no extra cost to you“.

 

 

Rudi Meisel fotografiert Gerd Ludwig im Hotelzimmer in Sydney, wie dieser sich vorbereitet für den Empfang beim Prime Minister von New South Wales in Sydney. ©RM

 

Große Namen genug; John Loengard von Life hatte uns schon in Hamburg besucht; die Namen Abbas, Eddie Adams, David Burnett, René Burri, Philip Jones Griffiths, Dirck Halstead, Hiroshi Hamaya, David Allen Harvey, Douglas Kirkland, Kent Kobersteen, Susan Meiselas, Sebastiao Salgado und Patrick Ward kannten wir von Veröffentlichungen, Alex Webb und Dilip Metha von der Anreise.

Jeder wollte jedem seine Bilder zeigen; weiß bezogene Doppelbetten wurden als Leinwand senkrecht an die Wand gelehnt und Dia-Karussells zeigten ein Portfolio nach dem anderen, bis man je nach Zeitverschiebung völlig übernächtigt im eigenen oder falschen Bett einschlief - great ! Jeder Fotograf bekam eine Kühltasche mit mindestens 30 Filmen, Entwicklungstaschen und Schreibblocks für Captions und Releases. Außerdem bekam jeder Fotograf ein Thema und einen Redakteur sowie Informanten oder Stringer. In meinem Falle wurde mir für Informationen rund um die Geschichte ein Südostasien-Korrespondent von Newsweek zugewiesen.

Am Dienstag war das Gruppenfoto mit allen teilnehmenden Fotografen geplant vor dem bekanntesten Bau Australiens, dem Opernhaus von Sydney, vom dänischen Architekten Jørn Utzon. Greg Heisler stand mit seiner 8x10“ Großbildkamera auf einem kleinen Lieferwagen und sollte mittels eines schaufenstergrossen Spiegels selbst auf dem Foto zu sehen sein. Das Aufstellen dieses Spiegels fürs Gruppenbild war für die meisten von uns Anlass, selbst ein Gruppenfoto von sich mit den anderen zu machen. Greg ließ uns alle gewähren und hat nach über zwei Stunden sein Bild gemacht, als keiner mehr von uns im Sonnenlicht stand.

 

 

Fester Bestandteil der "A Day in the Life"-Projekte war das Gruppenfoto mit den teilnehmenden Fotografen, das auch prominent am Ende eines jeden Buches abgedruckt wurde. Die Gruppenfotos wurden meist mit aufwändiger Grossbildtechnik aufgenommen. Das Foto vor der Oper in Sydney wurde von Gregory Heisler aufgenommen, wobei dieser mittels eines großen Spiegels selber auf dem Foto abgebildet wurde.

 

 

Greg Heisler stand mit seiner 8x10“ Großbildkamera auf einem kleinen Lieferwagen. ©RM

 

Dank des großen Spiegels konnte jeder sein eigenes Gruppenfoto machen: v.l. stehend Gerd Ludwig, fotografierend; Rudi Meisel, Sebastiao Salgado mit Leica im Hochformat und noch vollem Haar; David Alan Harvey, einen Film einlegend; Kent Kobersteen, Eddie Adams mit Huetchen. Von den 100 teilnehmenden Fotografen waren 33 Australier, 67 kamen aus "Übersee". Die Fotografen waren im Alter zwischen 25 und 65 und repräsentierten unterschiedliche, erfolgreiche, Fotografen-Karrieren. Die meisten von ihnen waren Magazin- und Zeitungsfotografen; teilgenommen haben aber auch einige Fotografen aus dem Bereich der Werbe- und Modefotografie.  ©RM

 

Abreise zum Termin war am Tag darauf. Australien ist groß und leer und für einige dauerte die Anreise mehr als 24 Stunden. Gerds Thema war nach einem Tausch die Kleinstadt Cowra in New South Wales, etwa 300km westlich von Sidney im Südosten des kleinen Kontinents. Mein Thema war die Fernstrasse von Darwin, im feuchtwarmen Norden, nach Alice Springs in der heißen, wüsten Mitte des Northern Territory. Verabredet war ich mit einem Road-Train-Trucker, der auf 11 Achsen und 42 Reifen leicht entflammbares Flugbenzin die mehr als 1500km von Darwin zum Flugplatz von Alice Springs regelmäßig transportierte. Für Fahraufnahmen vom Truck konnte ich ein Auto mit Fahrerin bekommen, war aber mit meiner Geschichte nach einem halben Tag fast schon durch.

 

 

 

 

 

In einem Mack Tanklastzug auf der 1500km-Piste von Darwin suedwaerts nach Alice Springs. ©RM

 

In einem der wenigen Roadhouses erfuhr ich von den noch längeren Viehtransportern und setzte daraufhin alles in Bewegung, um am Freitag, dem 6. März noch vor Sonnenaufgang einen Cattle-Train-Sattelschlepper mit zwei fünfachsigen Anhängern auf die Strasse zu kriegen, den ich dann von einem Hubschrauber aus im flachen Gegenlicht fotografieren wollte, einige Meilen auf geteerter und einige auf unbefestigter Staubstrasse fahrend. Genau das sollte das Bild werden. Im Kopf war mein Bild schon fertig. Der Hubschrauber eines Farmers samt Pilot war bald organisiert. Aber dieser Pilot flog oder schaukelte, mehr wie ein Cowboy, der mit dem Hubschrauber ganze Viehherden trennt oder zusammenhält, also ziemlich virtuos, mit mir über den Himmel und mochte gar nie verstehen,  dass ich mir einen ruhigen Standpunkt in der Luft wünschte. Die Sonne steigt am südlichen Wendekreis unerwartet schnell aus tiefschwarzer Nacht und ohne Dämmerung fast senkrecht auf, so dass ich meine wackelige Chance im schaukelnden Hubschrauber mit 20 oder mehr Kodachrome 64-Filmen und Belichtungsreihen nutzen musste. Es gelang, genau das Bild wollte ich!

 

Freitag, der 6. März 1981, war für die 100 teilnehmenden Fotografen "The Day". An diesem Tag fotografierten sie "A Day in the Life of Australia". Unterwegs waren an diesem Tag auch sieben Filmteams, die wiederum den Tag der Fotografen festhielten für eine Fernsehdokumentation über das Projekt. Rudi Meisel befand sich im Morgengrauen des 6. März in einem Hubschrauben und fotografierte einen Road-Train im ersten Sonnenlicht. Das Foto wurde später unzählige Male nachgedruckt, z.B. verwendete Kodak das Foto in einer Werbe-Kampagne.

 


In der Nacht checkte ich in einem Motel in Alice Springs ein und fand dort Kent Kobersteen und Robin Moyer am Ende ihres „Day in the Life of Australia“, ebenso erschöpft und müde wie ich. Es folgten der Rückflug nach Sidney und Abgabe der nummerierten Filme mit den Captions. Vor der späteren Filmentwicklung gab es ein ausführliches Interview mit jedem Fotografen. Gefragt wurde nach Namen der Personen auf den Fotos, ob das Thema ergiebig war oder aus welchem Grund es geändert wurde, was denn der persönliche Eindruck von den Australiern sei und welches Bild auf welchem Film einem das wichtigste sei und weshalb. Zum Abschluß gab es eine grosse Abschiedsparty und die allgegenwärtige Frage „Where is the next Day in the Life“?

Am Mittwoch, 11. März 1981, landeten wir im regnerisch kühlen Hamburg. Auf dem Tisch lag ein Anwaltsbrief mit einer letzten Frist vor der Klageerhebung wegen nicht bezahlter Lieferantenrechnungen in fünfstelliger Höhe, was wiederum an unserem mehr als erlaubt überzogenen Firmenkonto lag. Dirk hatte seinen Ärger schon einige Tage vorher sehr deutlich ins VISUM-Tagebuch geschrieben. Georg kam aus Patagonien zurück und wir alle saßen im Büro bei einer süßen Torte, um von großen Reisen zu erzählen - und über das aktuelle Geldproblem unserer kleinen GmbH zu beraten. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Back to Reality. Am 11. März 1981 landen Gerd Ludwig (Foto, mit Kühltasche für Filme!) und Rudi Meisel aus Australien kommend im regnerischen Hamburg. ©RM

 

In Ricks Einladung vom 5. November 1980 lese ich „ Payment: There isn´t any“. Mit Datum vom Oktober 1981, also sieben Monate nach unserem „Day in the Life“,finde ich noch einen Rundbrief von Rick, in dem er alle Probleme nach unserer Abreise ausführlich beschreibt. Ganz offensichtlich wollten alle angefragten Verleger das Buch auf dünnerem Papier, mit weniger Seiten, kein Duoton bei Schwarzweiss und kleiner im Format machen, so dass sich Rick und Andy entschlossen, das Buch selbst zu verlegen, um am Ende ein vorzeigbares Buch zu haben. Weil sie genau das noch nie gemacht und auch kein Geld mehr für das Anheuern von Spezialisten hatten, läuft zu Anfang alles schief. Die vier verpflichteten Bildredakteure von Newsweek, GEOmagazine, Colorific und London Sunday Times fliegen ein, aber dennoch berichtet er über wochenlange Diskussionen zu Auswahl und Zusammenstellung der Fotografien und Themen sowie einer Quartiersuche nach Ende der Hoteleinladung in Sidney. Schliesslich fragen sie John Leongard von Life um Rat. Sie sichten nochmals das gesamte Material und wählen tausend Fotos aus. Am Ende sind 25 teilnehmende Fotografen mit keinem Bild im Buch, weil die Geschichte schlecht vorbereitet war, oder sie einfach keinen guten Tag hatten und weil am Ende zu viele gute Bilder für zu wenig Seiten da waren. Letztlich zählt nur das gute (und gut gedruckte) Bild.

Zwei Jahre später im September 1983 schreibt Rick den Fotografen ganz resigniert, „Photography books don´t sell“ und „Everyone likes it, no one wants to pay anything for it.“ Nach grossen PR-Anstrengungen mit Rundreisen und Veranstaltungen wird „A Day in the Life of Australia“ schliesslich in Australien und den USA ganz gut verkauft, so dass Rick und Andy ihre Schulden zurückzahlen können und mit Brief vom 18. Dezember 1986 sogar ein Scheck von 600,- US-Dollar für mich eintrifft. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet.

 

 

Das Cover-Foto des Bildbandes. Auf der Rückseite des Buches wird das Magazin TIME zitiert: "It was an epochal time in the history of photojournalism...". Die im Buch gezeigten Fotos sind eine Auswahl der insgesamt 96.000 gemachten Fotos. Das Buch kostete damals 35 Dollar. Der Verkaufspreis 1981 in Deutschland war 119 DM (!). Das Gesamtprojekt soll 1 Mio. Dollar gekostet haben. Bei der Finanzierung gab es für die Organisatoren immer wieder extrem kritische Phasen. Zum Schluß wurde das Projekt dennoch ein kommerzieller Erfolg.

 

Nach Australien folgten „A Day in the Life“-Projekte von Hawaii, Canada, Japan, USA, Irland, Italien, China, Hollywood. Es waren Freundschaftstreffen zu den Projekten und ein Wettbewerb um gute Bilder. Ein halbes Jahr danach kam ein Buch davon mit einem Gruppenfoto als Doppelseite und dem eigenen Filmmaterial ins Haus. Die Fotografenliste variierte, ebenso wie die Anteile der jeweiligen domestic photographers; immer mal wieder fehlte jemand oder schied ganz aus wegen eigener Reisetermine. Für 1987 wurde ich zu „A Day in the Life of the Soviet Union“ eingeladen. Nach acht Jahren als Foto-Reisekorrespondent in der DDR für das ZEITmagazin war ich sehr neugierig auf dieses Land und hatte mir gleich nach Ricks Einladung ein Thema auf Kamchatka, der Halbinsel ganz im Osten, gewünscht. Das Flugticket kam jedoch so kurz vor dem endgültigen Reisetermin, dass ich Anfang Mai nicht schnell genug in der DDR zu erreichen war, als ich in Mecklenburg kaum 150km östlich von Hamburg zwischen Schwerin und Neubrandenburg für das ZEITmagazin fotografierte. Von meinem verpassten Flug Frankfurt - Moskau erfuhr ich erst, als ich wieder in Hamburg ankam. Auf Kamchatka bin ich immer noch nicht gewesen.

Nach „Day in the Life“ sind die Projekte anders geworden. In meinem Bücherregal heißen die folgenden Gruppenprojekte „One Digital Day“, „The Circle of Life“, „One Moment of the World“, „24h Berlin“, „Ein Tag Deutschland“ und sind von erkennbar unterschiedlicher Qualität. Diese Bücher sind gerade mal die Belege nur dafür, dass ich an all diesen Übungen teilgenommen habe. Der Vergleich mit „Day in the Life“ läßt sich gar nicht mehr darstellen. Die „Day in the Life“-Bücher sind im Rückblick wie ein Poesiealbum mit Gruppenbild: Fotografen-Treffen in einem großen Hotel über einige Tage, das Entdecken oder Wiedertreffen von Kollegen angesichts eines gemeinsamen Projektes, Austausch über eigene Fotografie vor dem Hintergrund ganz unterschiedlicher Berufserfahrungen, Biografien und Jahrgänge. Mit den meisten Namen verbinde ich eine Begegnung, ein Gespräch, vielleicht sogar Anstoß zu einem neuen Thema, gemeinsame Interessen, bisweilen eine entstandene Freundschaft. Mit einigen habe ich nach 30 Jahren, vielen Adressenänderungen und über große Entfernung noch Kontakt. Tomasz Tomaszewski besuche ich bei jeder Reise nach Warschau, Robin Moyer kam letztes Jahr einige Tage auf Job durch Berlin und bei Lumix in Hannover konnte ich nach einigen Jahren wieder David Burnett umarmen.

 

David Burnett und  Robin Moyer 1981 in Australien. ©RM

Heute laufen ähnliche Fotoprojekte wie „A Day in the Life..“ als Wettbewerbe im Internet, und damit zeitgemäß, schnell und sehr professionell in Auswahl, Technik und Verbreitung. World Press Photo ist so ein Beispiel. Gegen heute sind die 1980er Jahre geradezu romantisch, was wir damals ganz sicher abgestritten hätten.

 

Text: Rudi Meisel ©2011

Toller Beitrag

Sehr schöne Erinnerungen von Rudi Meisel. Auch das persönliche und der profane Alltag kommen hier nicht zu kurz.
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