Der zweite Blick

Die Aufarbeitung des eigenen Archivs stellt für Fotografen eine echte Herausforderung, mitunter auch eine Last, dar. Zur Zeit zeigt die VISUM GALERIE „Arbeit für immer – Reportagen aus der Arbeitswelt der 70er und 80er Jahre“. Der Titel „Arbeit für immer“ könnte symbolhaft auch für die eigene Archivarbeit stehen. Mittelpunkt  in diesem VISUM-Blog ist ein Gespräch zwischen dem Fotografen der Ausstellung, Wolfgang Steche, und VISUM-Geschäftsführer Alfred Büllesbach über die Hintergründe der aktuellen Ausstellung. Es geht um Wirtschaftsfotografie und Wirtschaftsgeschichte, aber auch um die eigene Geschichte als Fotograf beziehungsweise die der Agentur. Mehr...

 

 

AB: Soweit ich mich erinnern kann, hast Du uns im Jahr 2005 in der Agentur gescannte Schwarzweiss-Fotos gezeigt. Alles Fotos aus der Arbeitswelt. Was war eigentlich der Anlass, Dein Archiv neu zu sichten?

 

WS: Auslöser für die Archivarbeit waren meine vielen Fotos von Politikern, die ich im Laufe der Jahre bei Wahlkämpfen, Veranstaltungen und Interviewterminen gemacht hatte und für die Agenturarbeit bei VISUM neu aufbereiten wollte. Ihr hattet vor knapp 10 Jahren angefangen, das Portraitarchiv der Agentur aufzuarbeiten und, glaube ich, eigens einen Redakteur dafür eingestellt  (Anmerkung: Rudolf Gillmann, der für viele Zeitschriften als Bildredakteur tätig war). Es gab von Euch Anfragen nach älteren Bildern oder ganz einfach auch Rückfragen zur Bildbeschriftung und Datierung der Bilder. Dabei stieß ich wieder auf meine vielen SW-Reportagen, die ich für verschiedene Magazine und Tageszeitungen gemacht hatte. Gespräche mit Euch in der Agentur und mit meinen Mitgesellschaftern führten dann dazu, bei den Reportagen den Fokus mehr auf die Wirtschaftsthemen zu legen.

 

 


Henry Kissinger im Spiegel Interview im Juli 1978. Wolfgang Steche: "Kissinger mochte nicht den Platz einnehmen, den ich wegen der Lichtverhältnisse ausgesucht hatte und wollte mich nach der Begrüßung des Spiegel-Verlegers Rudolf Augstein und des Redakteurs Johannes K. Engel aus dem Raum schicken. Wenn ich Kissingers Anweisungen gefolgt wäre, wäre das beim Spiegel mein Waterloo geworden. Während einer kurzen Ablenkung durch Augstein entwischte ich in die andere Richtung des Raumes. Ich positionierte mich unter dem Schreibtisch von Henry Kissinger, wo ich dann ca. 2 1/2 Std. mit der Kamera verharrte und mit dem Teleobjektiv Kissinger aus ca. 6 Meter Distanz fotografierte. Er entdeckte mich nach dem Gespräch, war unwirsch, da ich seiner Bitte nicht Folge geleistet hatte und Augstein gab mir auf dem Flur einen Rüffel. Aber letztlich zählte das Ergebnis: 7 Fotos von Henry im Spiegel Nr. 30, 24.Juli 1978." Fotos: Wolfgang Steche.

 

 

 

 

Zwei Politiker, denen Wolfgang Steche mehrmals begegnete: Helmut Schmidt und Jimmy Carter. Bilder von Helmut Schmidt, fotografiert von Wolfgang Steche, erschienen vier Mal als Titelfoto auf dem Spiegel. Eine Begegnung mit Jimmy Carter hat Wolfgang Steche in bleibender Erinnerung: "Heinz Lohfeld, Spiegelredakteur, hatte ein 10 Minuten Interview mit dem amerikanischen Präsidenten. Dazu sollte ich die Fotos machen, vorgesehen war das Oval Office. Doch aus technischen Gründen fand die Begegnung erst auf dem Flur statt. Mit meiner in N.Y. neu gekauften Kamera wollte ich das Handshake-Foto machen. Die Kamera streikte. Carter sagte, übersetzt: Du bist Fotograf? Suche Dir lieber einen anderen Job! Carter, der Redakteur, ich und ein Sicherheitsbeamter gingen in einen spärlich beleuchteten Raum. Blitzen verboten. Ich hatte zum Glück eine Leica M4 dabei und nutzte die Schulter des Sicherheitsbeamten als Stativstütze. 3200 ASA, Bl 2.8 , 1/4 Sec. Belichtungszeit. 12 Aufnahmen konnte ich machen, dann war das Interview beendet. Im Taxi zum Flughafen  gerast. Ich hatte eine kleine Entwicklungsdose, Filmentwickler und Fixiersalz dabei. Nach dem Start in die Fliegertoilette, Beleuchtung manipuliert, dunkel im Klo, Film aus der Kapsel in die Dose, Wasser und Ultrafin rein, Dose zu, Licht an, auf den Passagiersitz zurück, Filmdose 20 Min Kipptechnik, zurück  zur Toilette, Entwickler entfernt, Fixierbad rein, 3 Min. fixiert, 5 Min gewässert, Taschenföhn an, Film getrocknet und in Montreal einem Freund, der nach Hamburg flog, übergeben."

 

 

 

 

Wolfgang Steche 1984 während des SPD-Parteitages in der Essener Grugahalle, fotografiert von Alfred Büllesbach. Wolfgang Steche kam 1982 zu VISUM und war der 6. Fotograf der Agentur.

 

 

AB: Als wir Deine Bilder hier in der Agentur in den letzten Wochen gesichtet haben, beschrieb Rudi Meisel Deine Fotos als „Arbeitnehmer-Fotografie“. Den Begriff hatte ich so noch nicht gehört, finde ihn aber ganz passend. Du bist nah dran an den Arbeitern. Die Bilder sehen nicht geschönt oder gestellt aus. Gegenstück wäre sozusagen eine „Arbeitgeberfotografie“. Die findet man in Geschäftsberichten und Firmenbrochüren. Fotos mit großzügiger Architektur, cleanen Produktionsanlagen und perfekt ausgeleuchteten, freundlich dreinschauenden Mitarbeitern. Was ist der Entstehungskontext der gezeigten Fotos? Wer waren Deine Auftraggeber?


WS: Auftraggeber waren Wirtschaftsmagazine wie Manager-Magazin, Wirtschaftswoche, Capital, Spiegel, Stern, Die Woche. Die Aufträge waren immer verbunden mit einem Interview des Unternehmers und das war der Schlüssel, um in die Produktionsstätten der Unternehmen zu kommen. Wenn ich Glück hatte, ließ mir der Begleiter des jeweiligen Unternehmens freie Hand, die Menschen an ihren Arbeitsplätzen zu fotografieren. Ich war ein stiller Beobachter und suchte mir die guten Situationen aus, ließ die Menschen an ihrem Produkt arbeiten. Keine Inszenierung. Oft konnte ich mit den Arbeitern sprechen, bevor ich mit dem Fotografieren begann. Ich habe schnell das Vertrauen der Menschen gewonnen und mit geringem technischen Aufwand meine Fotos gemacht.

 

 

 

 

 

 

Reportage in der BUNTE Illustrierten, 1985: Deutschland morgens um 4.00. Berufe, die mit Nachtschichten verbunden waren, Arzt, Fernfahrer, Portier, Auslandsauskunft, Hochofen, Polizei, Bundesgrenzschutz, Postzug.

 

 

 

 

Reportage in der BUNTE Illustrierten, 1985: Made in Germany. Alte Fabrikanlagen werden in Deutschland demontiert und in China wieder aufgebaut.

 

 

 

AB: Deine ursprüngliche Idee war es, dieselben Firmen wieder aufzusuchen und die Produktion 30 Jahre später noch einmal zu fotografieren. Was ist aus dieser Idee geworden?


WS: Als ich im Laufe der Gespräche mit Euch und Kollegen auf meine vielen Wirtschaftsthemen aufmerksam gemacht wurde, begann ich, in meinen Negativordnern nach vorhandenen Wirtschaftreportagen von großen Firmen zu suchen. Daraus ergab sich der Gedanke, diese Firmen 30 Jahre später noch einmal aufzusuchen und eine Gegenüberstellung, analog vor 30 Jahren und digital in 2006, neu zu fotografieren. Die Veränderungen der Firmen und der Produkte sind ja offensichtlich. Um ein solches Projekt zu finanzieren, hatte ich bei der VG Bild-Kunst ein Stipendium beantragt, das ich auch bekommen habe. Ich suchte die 10 größten Unternehmen aus meinem Archiv. Es dauerte dann gut 6 Wochen, bis ich die Auswahl der Negative festgelegt hatte und dann kaufte ich einen hochwertigen Kleinbild-Negativ Scanner. Ich schrieb die in Frage kommenden Unternehmen an, telefonierte mit den Presseabteilungen, stellte ihnen mein Projekt vor. Bis auf 2 große Unternehmen bekam ich abschlägige Bescheide. In manchen Fällen bekam ich trotz mehrfacher Versuche erst gar keine Antwort auf meine Anfrage. Bei einer Firma sagte man mir, man habe kein Interesse, da die alte Produktionsstätte inzwischen geschlossen und nach Bayern verlegt worden sein. Dort bestand ein generelles Fotografierverbot. Eine andere Firma sagte, sie könnten aus Kostengründen keine Begleiter abstellen und antworteten auf meine Schreiben später gar nicht mehr. Die 30jährige Presse-Leiterin einer weiteren Firma stellte die Frage, wer mir denn vor 25 Jahren überhaupt die Erlaubnis gegeben hätte, in dem Unternehmen zu fotografieren. Eine große Firma in Bonn schwieg auf mein Anliegen. Ein anderes Unternehmen nannte Sicherheitsgründe. Mit diesen Schwierigkeiten hatte ich nicht gerechnet.

 

 

 

 

Arbeiter in der Mittagspause bei BAT in Ahrensburg 1973. Die Firma British American Tobacco  ist seit 80 Jahren erfolgreich in Deutschland tätig. 1926 gründete BAT eine Tochtergesellschaft in Hamburg, den heutigen Sitz der Zentrale. Sie vertreibt Genussmittelmarken wie „Lucky Strike“, „Pall Mall“, ect. Produktionsstätte ist heute in Bayreuth. Foto: Wolfgang Steche.

 

 

 

AB: Dass sich in den letzten 30 Jahren in der Wirtschaftsfotografie einiges geändert hatte, haben wir in der Agentur natürlich auch bemerkt. Fotos in der Breite der Branchen und in der Nähe zur Produktion, wie Du sie damals fotografiert hast, bekommen wir heute eher selten angeboten. Am ehesten sind es Bilder aus der Automobilindustrie. Die Mitarbeiter werden dabei auffallenderweise meist aus einer größeren Distanz fotografiert. Ich könnte mir vorstellen, dass dies mit der Problematik der Personenrechte zu tun hat. Abgebildete und Fotografen agieren hier deutlich sensibler als in früheren Zeiten. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass es für die Fotografen generell schwieriger ist, in Firmen hinein zugelangen. Freie Produktionen, so höre ich von unseren Fotografen, sind so gut wie unmöglich. Interessant ist, dass es während der Photokina 2006 in Köln eine Podiumsdiskussion zum Thema Wirtschaftfotografie gegeben hat. Titel der Diskussion war „Angst oder Unkenntnis – Fotografen und das Thema Wirtschaft“. Veranstalter war eine Wirtschaftszeitung und man wollte der Frage nachgehen, „warum es so wenig gute Wirtschaftsfotos gibt“. Die Adressaten dieser Veranstaltung hatte ich schon damals als Fehlgriff angesehen: Fotografen haben keine Angst vor der Wirtschaft. Im Gegenteil. Viele Fotografen arbeiten für die Wirtschaft. Die Aufträge werden ja auch besser bezahlt als im Journalismus. Wenn Redaktionen einen Mangel an guten Wirtschaftsfotos beklagen, dann sind nicht irgendwelche Ängste die Ursache. Die eigentliche Ursache ist Kontrolle. Die Unternehmen wollen nach Möglichkeit kontrollieren, wer welche Bilder macht und was damit geschieht.

 

WS: Als ich 2009 für eine Reisezeitschrift in einem Chemiekonzern in Süddeutschland fotografierte, wurde durch den Pressebegleiter genau festgelegt, was ich fotografieren durfte. Er stand immer neben mir, ließ sich auch zwischendurch auf dem Kameradisplay das fotografierte Motiv zeigen. Nach Beendigung der Reportage musste ich das gesamte Bildmaterial auf eine CD brennen und der Presseabteilung übergeben und per Mail wurde mir dann mitgeteilt, welches Foto freigegeben wird. Damals, vor 30 Jahren, wollte keine Presseabteilung meine Bilder einsehen. Reportagefotografie, wie ich sie mache, ist vielen Firmen zu riskant. Die Bildsprache ist nicht werblich genug. Inszenierte Fotografie ist kontrollierbarer. Um fair zu bleiben, muss man natürlich auch die Interessen der Firmen sehen. Es gibt dort eine Angst vor Wirtschaftspionage und auch die Sorge, dass vielleicht älteres technisches Gerät zu sehen sein könnte. Man will auch nicht, dass Berufsgenossenschaften oder Versicherungen auf veröffentlichten Bildern irgend etwas zu erkennen glauben, das vielleicht nicht 100% irgendeiner Verordnung entspricht. Solche Diskussionen will man natürlich von vornherein vermeiden. Hinzu kommt, das einige Firmen einfach gebrannte Kinder sind und schlechte Erfahrungen mit der Presse oder einzelnen Journalisten gemacht haben.

 

 


 

 

 

AB: Als Du in den letzten Jahren wegen einer Fotoerlaubnis bei Firmen angefragt hast , hat da eigentlich jemand den historischen Wert Deiner Fotos erkannt?


WS: Unternehmen mit einer Firmentradition, Familienunternehmen also, ja. Die haben mir häufiger Bilder aus ihren Archiven gezeigt. Neuen Unternehmen ist der Begriff “Historie” anscheinend ein Fremdwort. Die Produkte verändern sich schnell und häufig werden Firmen von anderen Unternehmen geschluckt und so verschwindet das Bild-Archiv und wertvolle Informationen aus der Entstehungsgeschichte des Unternehmens. Beispiel ist Triumph-Adler, Nürnberg. Sie bauten Schreibmaschinen, entwickelten u.a. die Kugelkopfschreibmaschine, deren Produktion ich vor gut 27 Jahren fotografierte. Ich konnte mich dort völlig frei bewegen und dann wurde das Unternehmen von VW aufgekauft. Dann stieg die Fa. Olympia, ebenfalls ein Schreibmaschinenhersteller, ein. Dann wurde wieder alles von einem amerikanischen Unternehmen aufgekauft. Bis sichTA, so nennen sie sich heute, wie Phönix aus der Asche erhob. Aber das gesamte historische Archiv ging verloren, es gibt heute so gut wie nichts an altem Bildmaterial bei TA. Das Interesse an meinen Bildern ist außerhalb der Firmen größer als innerhalb. Gerade bei jungen Menschen finden die Bilder besonderen Anklang. Das war ja schließlich auch der Grund dafür, meinem Fotoprojekt eine andere Richtung zu geben. Dadurch, dass die Firmen nicht mitspielten, kam mein ganzes Vorhaben ja ins Stocken. Die gescannten Negative lagen bis 2010 gespeichert auf der Festplatte und es ging nicht voran. Im Gespräch mit Euch kam dann die Idee, ein anderes Konzept zu verfolgen, eben nicht mehr den "Damals-Heute Vergleich".

 

 

 

 

Büromschinenherstellung bei Triumph-Adler 1977 in Nürnberg. Triumph-Adler galt als Qualitätsmarke für deutsche Büromaschinen. Computertechnik hat die Büroarbeit vollständig verändert. Triumph-Adler hat die Schreibmaschinenproduktion  eingestellt und baut heute modernste Kommunikationsgeräte, Kopierer, Drucker, Faxgeräte  und Archivierungstechnologie. Büros sind heute ausgestattet mit Computern, die in Billiglohnländern hergestellt werden. Foto: Wolfgang Steche.

 

 

AB: Das Interessante an Deinen Bildern ist die Vielschichtigkeit dessen, was man in ihnen sieht. Richtig ist, dass die Fotos Firmen, Berufe und Produkte zeigen, die es heute nicht mehr gibt. Dennoch verfolgten wir bei der Planung Deiner Ausstellung nicht die Idee, aussterbende Berufe zu dokumentieren. Technischen Fortschritt mit den daraus folgenden Veränderungen hat es immer gegeben. Das ließe sich auch mit Fotos der 50er Jahre oder noch älteren Zeiten beschreiben. Wir hier in der Agentur haben in Deinen Fotos einen völlig anderen Aspekt gesehen. Die Firmen, die Du fotografiert hat, hatten alle einen wohlklingenden Namen und garantierten Beständigkeit. Die Produkte und die Jobs galten als solide. In den 70er und 80er Jahren ist man noch davon ausgegangen, dass man sein Leben lang in derselben Firma bleibt und eine klare Berufskarriere verfolgen konnte. Das alles gab Sicherheit und ermöglichte eine überschaubare Lebensplanung. Es war ein Teil dessen, was man zu Recht als Wohlstand bezeichnete. Wir hier in der Agentur, die diese Zeit bewußt erlebt haben, sehen diesen Aspekt in Deinen Bildern. Wir sehen ihn deshalb, weil in den letzten 30 Jahren gesellschaftlich etwas auf der Strecke geblieben ist. Auf Deinen Fotos z.B. aus der Kantine bei Beiersdorf hat man nicht den Eindruck, bei einem Global-Player zu sein. Heute beklagen wir die Ökonomisierung der Gesellschaft auf allen Ebenen. Und die ist offensichtlich soweit fortgeschritten, dass wir Deine knapp 30 Jahre alten Fotos jetzt staunend wahrnehmen. Diese Ebene der Wahrnehmung ist nur möglich durch die inzwischen vergangene Zeit. Wir hier in der Agentur finden das ungemein spannend. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir kein historisches Bildarchiv sind und erst jetzt den intensiven Umgang mit zeitgeschichtlichen Fotos erleben.

 

 

 

 

In der Kantine von Beiersdorf, Hamburg, 1974, Reportage für das Hamburger Abendblatt. Die Firma Beiersdorf hat ihren Hauptsitz in Hamburg. Ihr Traditionsprodukt „Nivea“ hat alle Wirtschaftskrisen überlebt und ist eine Weltmarke. Viel mehr als die blaue Dose, haben sich die Produktionsweisen geändert. Foto: Wolfgang Steche.

 

 

 

AB:Mit welchen Gefühlen hast Du eigentlich Dein Archiv neu gesichtet? Warst Du neugierig darauf, was Du finden würdest oder drückt einen die Last der Arbeit? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, hast Du inzwischen 6000 Negative gescannt.

 

WS: Es ist keine Last. Überhaupt nicht. Meine Fotografie ist gelebtes Leben, mit vielen Emotionen verbunden, mit allen Höhen und Tiefen meiner freiberuflichen Tätigkeit. Die Fotografie gab und gibt mir noch heute unglaublich viel Kraft. Sie ist für mich eher Berufung als Beruf und so lange ich lebe und meine Neugier mich treibt, werde ich mein analoges Archiv durchforsten. Es ist der Spiegel meines Lebens. Die Fotos erzählen auch etwas über mich, meinen Weg. So finde ich dann bei der Durchsicht meiner fotografischen Arbeiten heute auch neue Antworten. Das finde ich spannend.

 

 

 

 

Wolfgang Steche 2011 in Heidelberg bei der Sichtung der Negative. Die Negative befinden sich in den Aktenordnern im Hintergrund.

 

 

 

 

 

Die sichere Aufbewahrung der Negative ist ein Problem, das alle („Analog“) Fotografen kennen. In Wolfgang Steches Fall mussten die Negative in 200 Aktenordnern im Laufe von 30 Jahren 14 Umzüge überstehen.

 

 

 


AB: Viele Deiner neu gescannten Bilder hatte ich zuvor im VISUM-Archiv nie gesehen. Inwieweit hast Du jetzt andere Bilder ausgewählt als zum Entstehungszeitpunkt?


WS: Mit den persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Veränderungen verändert sich auch die Sichtweise auf die alten Bilder. Heute erkennt man in Bildern Dinge, die man damals überhaupt nicht wahrgenommen hat, z. B. das Zeitkolorit. Es ist eine Freude, im Archiv Fotos wieder oder ganz neu zu entdecken.

 

 

 

 

„Arbeit für immer“. Editing zu Wolfgangs Ausstellung, April 2011 in Heidelberg und Hamburg.

 

 

AB: Es macht auch uns Spaß, neu entdeckte Archivfotos zu sehen. Inzwischen habe ich großen Respekt vor den Fotografen, die Ihre Archive konsequent durcharbeiten. Es ist ja alles sehr arbeits- und zeitintensiv. Rudi Meisel hat z. B. sein Material aus der DDR aufgearbeitet. Das Scannen war da das kleinste Problem. Mit großem Ehrgeiz hat er für die Bildbeschriftung nicht nur seine Fotoreisen rekonstruiert sondern auch den historischen Kontext recherchiert. Und das ist richtig so. Alle heute unter 20jährigen sind nach dem Mauerfall geboren. Selbst das kleinste Detail ist es wert, von Zeitzeugen festgehalten zu werden.

 

WS: Der Mauerfall ist ein gutes Stichwort. Ich glaube, mit dem Jubiläum des Mauerfalls in 2009 hat sich etwas in der Wahrnehmung der jüngsten Geschichte geändert. Die Zeit vor 1989 wird zunehmend als historisch angesehen und für die Medien interessant . Die von Dir genannten unter 20jährigen haben ja nicht nur die DDR nicht kennengelernt, auch die "Bonner Republik" ist ihnen fremd. Gerade in den 80er Jahren waren VISUM-Fotografen viel beschäftigt und z.T. sehr engagiert. Da gibt es in den Archiven noch Einiges zu entdecken.

 

AB: Das stimmt. Tom Pflaum hat z. B. sehr ausführlich den Widerstand gegen die Atomraketen während der Zeit der Friedensbewegung
fotografiert. In dieser Dichte und Qualität hat sonst kaum jemand Bildmaterial zu diesem Thema. Auch hier geht es darum, das Material erneut zu sichten. Heute erkennt man in den Fotos Dinge, die man damals als nicht so wichtig erachtet hat. Die ganze Aufarbeitung braucht aber
Zeit.

 

 

 

 

1979 erschien das Buch "Städte, die keiner mehr kennt". Es enthielt Reportagen aus der DDR mit Texten von Marlies Menge und Fotos von Rudi Meisel. Das Buch war entstanden aus sieben Reportagen, die beide für das Zeitmagazin anfertigten. Die jüngste Aufarbeitung des Bildarchivs stellte Rudi Meisel vor eine zusätzliche Herausforderung: das Zusammentragen von Informationen über einen Staat, den es nicht mehr gibt.

 

 

 

 

Thomas Pflaum fotografierte in den 80er Jahre den Widerstand gegen die Nachrüstung in der Bundesrepublik. Insbesondere die Aktionen der Friedensbewegung in Mutlangen begleitete er jahrelang mit der Kamera. 2010, also rund 25 Jahre später, erlangte das Thema Ziviler Widerstand wieder Medieninteresse: im Zuge der Berichterstattung über Stuttgart 21. Foto: Thomas Pflaum.

 

 

AB: Das Problem in der Aufarbeitung der alten Bilder ist ja nicht nur ein technisches. Es geht ja nicht nur darum, analoge Fotos zu digitalisieren. Die Folgen der Digitalisierung in der Fotografie sind ja viel weitreichender und wirken ja noch auf eine ganz andere Weise auf die Archivarbeit. VISUM hat ungefähr im Jahr 2000 damit begonnen, physisches Bildmaterial an die Fotografen zurückzugeben. Zuerst die Schwarzweiss-Fotos. Die Nachfrage nach Schwarzweiss-Fotos war schon Ende der 80er Jahre praktisch unbedeutend. Vergriffene Abzüge wurden nicht mehr nachgeliefert. Es gab etliche Regalmeter Schwarzweiss-Archiv in der Agentur. Was wir aber Ende der 90Jahre nicht wußten, war, ob wir tatsächlich die besten Motive besaßen. Die Negative befanden sich bei den Fotografen. Wir konnten uns so selbst keinen Überblick verschaffen. Daraus folgte die Entscheidung, das Schwarzweiss-Archiv aufzulösen, zurückzuschicken und die Fotografen ein neues Editing, mit den "Augen von heute", machen zu lassen. Das war der Plan. Was wir nicht auf der Rechnung hatten, auch nicht ahnen konnten, war, welch starken Strukturwandel die digitale Fotografie auslösen würde, nicht nur bei den Agenturen sondern auch bei den Fotografen. Die Fotografen hatten schlicht Anderes im Sinn, als sich um die Aufarbeitung ihrer Archive zu kümmern. Neben der Umstellung auf die digitale Technik kamen die Kosteneinsparungen bei Auftraggebern und der zunehmenden Konkurrenzdruck.

 

 

 

 


Schwarzweissfotos wurden bei VISUM in Pappschachteln (Fotopapierkartons) aufbewahrt. Bis ca.1987 hatte VISUM ein eigenes Fotolabor und die Negative wurden in der Agentur archiviert. Bereits Ende der 80er Jahre spielten S/W-Fotos beim Bildverkauf so gut wie keine Rolle mehr. Die Kunden verlangten nach Farbdias. Die S/W- Fotos waren zu diesem Zeitpunkt historisch noch nicht relevant.

 

 

 

 

 

Das Foto zeigt einen Teil der Räumlichkeiten bei VISUM ca.1997. Für die Aufbewahrung der Farbdias dienten über 150 Stahlschränke. Mit der Nutzung von digitalen Bilddatenbanken ließ ab dem Jahr 2000 auch bei VISUM die Nachfrage nach physischen Bildern (Dias, Abzüge) nach. Die wichtigsten Fotos wurden nach und nach gescannt. Ab 2006 wurde das Kontorhaus Handelshof in der Langen Reihe schrittweise vollständig saniert, mit der Folge, dass VISUM zum 1.1.2008 nach 15 Jahren neue Räumlichkeiten suchen mußte. Dieses Datum wurde als Ziel gesetzt, das physische Archiv aufzulösen. Im Laufe der Jahre wurden bis zu 1 Mio. Dias und Schwarzweissfotos aussortiert und an die Fotografen zurückgegeben.

 

 

 

WS: Mit der Entwicklung der digitalen Fotografie und den Übertragungstechniken sind viele Fotografen am Anfang nicht zurecht gekommen. Diese neue Technik kostete ungeheuer viel Geld. Die digitale Kamera, der Mac, DSL-Anschlüsse, Card-Phone, Software, Datenträger, Schulungen. Da gab es lange Gespräche mit der Bank. War keine gute Stimmung damals. Klar, vor diesem Hintergrund vernachlässigten viele ihre Bild- und Negativarchive. Zumal doch keine Redaktion mehr mit diesem Material arbeiten wollte, es also auch keine Hoffnung auf entsprechende Vergütung gab. Alles analoge Material war plötzlich nicht mehr gefragt und verschwand im Keller, auf dem Boden, in Regalen. Meine erste Datenübertragung per Card-Phone übrigens fand vor dem VW-Werk in Wolfsburg statt. Im Januar, in Eiseskälte. Ich machte ein Selbstportrait im Freien von mir und sendete dieses Foto an alle Magazine, für die ich arbeitete, um zu zeigen, dass ich mich der neuen Technik angepasst hatte. Glücklich war ich damit nicht. Denn die Veränderungen waren ja nicht nur technischer Art. Geändert hat sich mit der Digitalisierung auch die Kommunikation mit den Redaktionen. Die Datenübertragung verdrängte von nun an das persönliche Gespräch. Das ist alles gar nicht so lange her und man schaut heute erstaunt auf diese Zeit zurück.

 

AB: Über solche Erfahrungen können wahrscheinlich alle berichten, die den Umbruch von analog zu digital mitgemacht haben. Ich hoffe, schon aus mediengeschichtlichem Interesse, dass solche Erfahrungen in der schnelllebigen Jetzt-Zeit festgehalten werden. Fotografen der jüngsten Generation gehen von Anfang an mit digitaler Technik in den Beruf. Wie Fotojournalisten noch vor gut 15 Jahren arbeiteten, ist jetzt schon Geschichte. Du genießt jetzt, wie wir alle, die Vorzüge der digitalen Fotografie. Und wenn ich höre, dass Fotografen früher gelegentlich auch in der Flugzeugtoilette Filme entwickelt haben (Anmerkung: siehe oben Bildtext Schmidt/Carter), dann hat es vermutlich viele Mitmenschen gegeben, die sich auch auf die digitale Fotografie gefreut haben.

 

 

Fernschreibzentrale der Deutschen Bundespost 1978 in Hamburg. Ähnlich wie die Medienbranche erlebte auch die Telekommunikationsbranche durch die digitale Technik einen tiefgreifenden Strukturwandel. Hier kam aber noch ein weiterer Faktor hinzu: Dienstleistungen der Telekommunikationen waren staatseigene Institutionen, die inzwischen schrittweise privatisiert wurden.Foto: Wolfgang Steche.

 

 

 

"Arbeit für immer" - Reportagen aus der Arbeitswelt der 70er und 80er Jahre.

Fotos von Wolfgang Steche

in der VISUM GALERIE vom 19.5. bis 4.7.2011

 

 

 

Kleine Bilder-Galerie über die Vorbereitungen der Ausstellung, vom Abhängen der Ausstellung "Reinartz in Buxtehude" durch Thies Rätzke bis zur Vernissage von Wolfgang Steches Ausstellung am 18.5.2011:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Auswahl der Fotos von Wolfgang Steche aus seinen Reportagen aus der Arbeitswelt sehen Sie auf dieser Website (www.visum-images.com) bei "Collections" .

 


Sie haben Interesse, auch einmal die Ausstellung "Arbeit für Immer" zu zeigen?

Bitte kontaktieren Sie uns, Telefon 040.284082-0.

 

 

Copyright-Hinweis:

"Der zweite Blick" im VISUM-Blog.

Copyright Text: ©VISUM, 2011.

Copyright Fotos: ©Agentur VISUM oder wie am Bild angegeben.

Die URL dieser Seite: http://www.visum-images.de/blog/der-zweite-blick