Bildbearbeitung und Bildmanipulation
Wieviel ist zuviel? In der Agenturarbeit und im Gespräch mit Fotografen kommt immer wieder die Frage auf, wann aus einer Bildbearbeitung eine Bildmanipulation wird. Das Thema Bildmanipulation ist ein alter Hut, mögen viele denken. Und in der Tat: Eine platte Bildfälschung, wie die des auf dem roten Teppich voranschreitenden Hosni Mubarak letzten September in einer ägyptischen Tageszeitung, hat es ins Kabarett geschafft, aber nicht in journalistische Diskussionsforen. Die eigentlich interessante Diskussion wurde von World Press Photo Anfang des Jahres losgetreten, als erstmalig ein Preisträger nachträglich disqualifiziert wurde. Wenn man sieht, wieviel Verständnis der Fotograf bei vielen seiner Kollegen geerntet hat, dann wird klar: die Diskussion um die digitale Bildbearbeitung und Bildmanipulation ist kein alter Hut, sondern wird erst noch richtig losgehen.
Rückblick: World Press Photo
Was war geschehen? World Press Photo hatte über den Fall einer digitalen Bildmanipulation zu entscheiden. Betroffen war der ukrainische Fotograf Stepan Rudik, der mit seiner Serie "Streetfighters" den dritten Preis der Kategorie "Sport Features" erhalten sollte. Der Vergleich mit der RAW-Datei machte deutlich, dass der Fotograf bei einem Foto ein Bilddetail digital entfernt hatte. Der Fuß einer im Hintergrund befindlichen Person schaute offenbar "störend" neben dem Hauptmotiv heraus und wurde vom Fotografen nachträglich digital entfernt. Mit der Herausnahme des Fußes hatte Rudik gegen die Regeln des Fotowettbewerbs verstossen ("The content of the image must not be altered"). Rudik wurde nachträglich disqualifiziert.
Die daraufhin entbrannte Diskussion um die digitale Bildmanipulation im Fotojournalismus, d.h. die Herausnahme, Einfügung oder Veränderung von Bildinhalten bei der Nachbearbeitung, war nicht neu. Mit der aufkommenden Digitalfotografie erlebte sie in Deutschland 1997 ihren
Höhepunkt als die Fotografenverbände, darunter auch der damals noch junge Verband Freelens, eine Kennzeichnungspflicht für manipulierte Fotos forderte. Ein Missbrauch der digitalen Technik könnte die Glaubwürdigkeit von Pressefotos unterminieren und damit dem Fotojournalismus seine Existenzberechtigung nehmen, so die Befürchtung. Manch einer sah damals schon den "Tod der Pressefotografie".
Die Diskussion um die digitale Bildbearbeitung reicht 30 Jahre zurück. Mit dem Titelbild der Februar-Ausgabe hat National Geographic 1982 unfreiwillig Geschichte geschrieben. Damit die Pyramiden besser ins Hochformat passen, wurde eine der Pyramiden mittels digitaler Bildbearbeitung etwas "verschoben". Heute gilt das Titelbild oftmals als "Sündenfall" der digitalen Bildmanipulation.
Eine breite Öffentlichkeit erreichte das Thema Bildmanipulation in Deutschland 1998 mit der Ausstellung "X für U - Bilder, die lügen", die zuerst im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen war und seitdem - bis heute - an wechselnden Orten zu sehen ist.
Neue Entwicklungen
Im Vergleich zu den damaligen Diskussionen zeigte der aktuelle Fall bei World Press Photo einige Entwicklungen, die damals noch nicht so im Mittelpunkt standen. Richtete sich die damalige Diskussion vor allem an Verlage, so stand nun ein Fotograf im Mittelpunkt der Kritik. Die Bildbearbeitungssoftware war damals sehr kostenintensiv und noch nicht so massenhaft verbreitet wie jetzt. Neu war bei der Diskussion um World Press Photo auch, dass scheinbar die Toleranz gegenüber Bildbearbeitungen wächst. So wurde in Fotografenkreisen die Entscheidung von World Press Photo oftmals als "überzogen" oder "kleinlich" bewertet. Diese Reaktionen machten deutlich, dass es bei einigen in der Diskussion offenbar nicht mehr um die Frage geht, OB eine Änderung des elektronischen Bildes zulässig ist, sondern vielmehr in welchem Ausmaß verändert werden darf. Diese Toleranz hängt vielleicht mit den Gründen von Rudiks Manipulation zusammmen. Er wollte offensichtlich sein Foto ästhetisch „verbessern". Über den Druck bei Fotojournalisten, ästhetisch perfekte Fotos abzuliefern, ist schon oft geklagt und geschrieben worden.
Regeln mit Vorgeschichte
Abgesehen davon, dass Wettbewerbsregeln dazu da sind, gleiche Bedingungen für alle Teilnehmer zu garantieren, ist das strikte "Manipulationsverbot" nicht irgendeine technokratische Regel. Die Regeln von World Press Photo und ihre konsequente Anwendung lassen sich nur verstehen vor dem Hintergrund der Diskussion zu Beginn der digitalen Fotografie und der Lehre aus spektakulären Fällen von Bildmanipulation in der Presse. Welche Risiken Bildmanipulationen bergen, haben die Reaktionen des Publikums auf die bekanntesten Fälle von Bildmanipulationen der 80er und 90er Jahre gezeigt. Gerade Magazine, die für ihre hohen journalistischen Standards bekannt sind, wie National Geographic, Time und Newsweek hatten aufgrund von Manipulationsfällen damals zeitweise einen Auflagen- und Ansehensverlust erlitten. Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Zeitschriften und Fotografenverbände hatten daraufhin im Laufe der Zeit eigene Statuten verfasst, die jegliche Bildmanipulation ablehnen. Eigenen Angaben zur Folge steht World Press Photofür einen hohen Standard im Fotojournalismus. Will er nicht hinter die selbst auferlegten Regeln einiger Agenturen, Zeitungen und Magazine zurückfallen, die jegliche Bildmanipulation verbieten, hatten die Juroren im Fall Stepan Rudik keine andere Wahl. Das war voraussehbar und vor diesem Hintergrund ausgerechnet beim World Press Photo ein manipuliertes Foto einzureichen, war mehr als ungeschickt, zumal der Fotograf die unmanipulierte Version des Bildes vorher im Internet veröffentlicht hatte. Man muß dem Fotografen zu Gute halten, dass er im Anschluss an die Entscheidung von World Press Photo die Öffentlichkeit suchte und seine RAW-Datei veröffentlichte. Was er dabei am wenigsten im Sinn hatte, war es, eine ganz andere Debatte loszutreten.
Photoshop und Dunkelkammer
Der Vergleich des zunächst prämierten Bildes mit der Original-Datei offenbarte in welchem Ausmaß der Fotograf das Bild nachbearbeitet hatte. Ein extrem gewählter Ausschnitt, die Konvertierung in schwarz-weiss sowie ein starkes Nachdunklen der Rändern erzeugten einen völlig anderen Bildeindruck als das Originalfoto. Das Ausmaß an Nachbearbeitung löste im Internet eine lebhafte Debatte unter Fotografen aus,
was an Nachbearbeitung zulässig ist und was nicht. "Die fotografische Leistung des Ausgangsbildes ist eher gering, das eigentliche Bild entstand erst später", so ein Teilnehmer eines Online-Blogs, "wahllos in die Gegend fotografieren und dann zuhause am Rechner schauen, ob da irgendwo ein nettes Bild versteckt ist, trifft nicht die Vorstellung, die die meisten Fotografen von erzählendem Fotojournalismus haben". Ein anderer Blog-Teilnehmer führt aus: "Mein Verständnis von Fotojournalismus und Dokumentarfotografie ist es immer noch, hinterher möglichst nichts am Bild zu verändern". Die
etablierten Standards bei der Bildbearbeitung im Fotojournalismus orientieren sich an den traditionellen Dunkelkammertechniken. Übliche Techniken (wie z. B. "Abwedeln" oder "Nachbelichten") zur Steuerung von Helligkeit, Kontrast, Farbe sowie Bildbeschnitt oder Beseitigung von Staub und Kratzern sind demnach aktzeptiert. Diese Techniken werden oft als eine "Grammatik" der Fotografie bezeichnet; sie dienen dazu, Fotos "lesbar" bzw. reproduktionsfähig zu machen. Zur Bewahrung der Glaubwürdigkeit des journalistischen Fotos, so die Logik, schreibt man das Bewährte fest. Der Begriff "Dunkelkammer" an sich weist schon auf das Problem hin. Mit der Verdrängung der chemischen Fotografie gibt es auch keine
Dunkelkammern mehr. Fotografen der jüngsten Generation kennen entsprechende Techniken allenfalls aus der Theorie. 2003 bekam ein amerikanischer Zeitungsfotograf drei Fotopreise aberkannt (und eine 3 tägige, unbezahlte, Suspendierung durch den Arbeitgeber), weil er einige seiner Bilder z. B. im Hintergrund zu sehr nachgedunkelt hatte. Dirck Halstead kritisierte damals diese Entscheidung im "Digital
Journalist". Wer glaube, die klassischen Dunkelkammer-Techniken seien ein Problem, der solle mal abwarten was die digitale Fotografie an Techniken bescheren wird, mahnte Halstead, vor allem im Hinblick auf Software, die in Kameras eingebaut ist und automatisch abläuft.
Fotostylisten
Was Halstead vor 7 Jahren wohl ahnte, konnte man jüngst auf den Internetseiten der Photo District News begutachten. Dort war eine Foto-Serie des AP Fotografen David Guttenfelder zu sehen, fotografiert mit seinem iPhone während einer US-Offensive in Afghanistan. Im iPhone wurden die Fotos durch ein Filter- App bearbeitet, womit Polaroid-Farben simuliert werden sollten. Passen Stil und Inhalt hier zusammen, fragte PDN. Vermitteln Kriegsfotos in verwaschenen Farben und Soft-Focus ein nicht allzu romantisches Bild vom Krieg? PDN nahm diese Fotos zum Anlass einer Diskussion und fragte: "Stylized Photojournalism: Where to Draw the Line?". PDN zeigte gleich noch ein weiteres Fotos mit anderer Technik, aber gleicher Problematik. Ein Dänischer Fotograf hat die Szene fotografiert, wie dänische Soldaten den Sarg eines gefallenen Kameraden aus einer Transportmaschine trugen, mit einem Schärfeverlauf und typischen Miniaturmodell-Look eines Tilt-Shift-Objektives. Im PDN-Blog gingen die Meinungen über diese Fotos auseinander. Einerseits finden Fotografen es wichtig, mit neuen Stilmitteln Aufmerksamkeit für ihre Geschichten zu erzeugen und sehen in den neuen Möglichkeiten eine Erweiterung ihrer bisherigen Möglichkeiten, wie z.B. im Einsatz von Schwarz-Weiss oder Blitzlicht. Auf der anderen Seite sehen Fotografen in den neuen Stilisierungsmöglichkeiten die Gefährdung einer objektiven Berichterstattung und einen Übergang zur Kunst. Andere Stimmen befürchten einen Bedeutungsverlust des Fotojournalismus, nämlich dann, wenn langweilige Fotos durch Filter z. B. "interessant" gemacht werden oder journalistische Fotografie zur reinen Dekoration verkommt. Man muß kein Hellseher sein, um zu ahnen, daß mit der Entwicklung vom immer neuer Bearbeitungssoftware solche Diskussionen, wie sie jetzt z.B. durch Stefan Rudik oder PDN ausgelöst wurden, in Zukunft vermehrt geführt werden, sicherlich auch bei World Press Photo. Während es bei der digitalen Bildmanipulation relativ einfach war, Regeln zu formulieren und anzuwenden, werden Fotografen hier lange auf Regeln warten müssen. Die wird es nicht geben. Wie will man Ästhetik quantifizieren?
Glaubwürdigkeit und Autorenschaft
Ob Bildbearbeitungen in der Dunkelkammer oder im Photoshop ausgeführt werden: Es geht nicht um technische Parameter, sondern letztlich um die Frage, ob der Bildinhalt verändert und der Bildbetrachter in die Irre geführt wird oder nicht. Jetzt, wo Fotos aus binären Codes bestehen, die sich einfach verändern lassen wie Sätze mit Wörtern, ist die Glaubwürdigkeit aufs Engste an eine Autorenschaft geknüpft. Man glaubt nicht den Fotos an sich, sondern den Personen, die die Fotos machen und veröffentlichen. Fotojournalisten werden sich mehr Gedanken machen müssen über publizistische Verantwortung, Berufs- und Ausbildungsnormen, so wie es bei schreibenden Kollegen schon lange vorher geschehen ist. Fotojournalismus ist kein Selbstzweck sondern steht in einem gesellschaftlichen Auftrag. Daher fällt auf, dass in den vielen Blogs und Diskussionen zum Thema Bildbearbeitung eine wichtige Gruppe so gut wie nicht auftaucht: das Publikum. Der Vertrauensverlust, den einige Zeitschriften in den 80er und 90er Jahre durch Bildmanipulationen erlitten hatten, ist letztlich darauf zurückzuführen, dass Blattmacher die Sensibilität ihrer Leser falsch eingeschätzt haben. Unter Fotografen wird leidenschaftlich gerne über neue Software diskutiert, aber scheinbar oft vergessen, für wen man die Bilder eigentlich macht. Die noch so clever formulierten Standards oder akademischen Diskussionen sind vergebens, wenn sie sich nicht mit den Erwartungen des Lesers an die Glaubwürdigkeit von Fotos decken. Das Publikum ist heute permanent digitalen Bilderwelten ausgesetzt, nicht nur in Printmedien, sondern auch im Kino, TV, Internet und in Comptersoftware. Photoshop und iPhone-Filter-Apps sind Alltag nicht nur bei Profifotografen. Vor diesem Hintergrund wird schon mal die Befürchtung geäußert, es könne ein genereller Manipulationsverdacht gegenüber Fotos eintreten, was nicht nur die Glaubwürdigkeit der Pressefotografie mindert, sondern die Legitimation eines ganzen Berufsstandes in Frage stellen kann. Kein Wunder, dass manche Fotografen fordern, sich weniger mit den Filtern zu beschäftigen und mehr mit den Inhalten. "Lets get back to doing what photojournalists do. Tell stories with photographs; let the power of the subject speak for itself not the power of a lense/filter/photoshop or whatever else is being used to muck up the truth", so ein Teilnehmer im Blog von Photo District News. Weil letztlich jeder für sich die Grenzen in der Bildbearbeitung formulieren muss, sollten die journalistischen Berufsorganisationen jede Gelegenheit zur Diskussion nutzen und Fälle von Bildmanipulationen aufgreifen. Schließlich erfolgt die öffentliche Thematisierung berufsethischer Fragen im ureigensten Interesse der Journalisten, liegt hierin auch eine Chance, der im Zeitalter des Leser-Reporters oft beklagten Deprofessionalisierung des Berufes entgegenzuwirken.
Copyright: Alfred Buellesbach / VISUM, 2010, www.visum-images.com
Kommentar
Hallo,
ein wirklich interessanter Artikel! Aufgrund der technischen Entwicklung gibt es ja im Bereich Fotodesign zunehmend mehr Möglichkeiten zur Bearbeitung und Manipulation von Bildern. Mit professionellen PC-Tools könne mittlerweile ja auch Hobby-Fotografen gut Ergebnisse erzielen.
Die Thematik der Bildmanipulation wird ja auch aus gesellschaftlicher und politischer Sicht zunehmend interessant. Bin gespannt, wo das noch hinführt.
Gruß,
Maximilian
Michael Mahlke
Ich kenne überhaupt keinen Bildjournalisten bzw. Fotografen, der digital nicht alles macht, was möglich ist. So gibt es keine flauen Bilder mehr, es gibt keine unbeschnittenen Bilder mehr und es wird digital gefiltert bis es nicht mehr geht.
Ich finde den Artikel sehr gut, auch in der Argumentation, aber ich kenne nur die oben beschriebene Realität. Im übrigen sind Fotoreporter offenkundig verflucht, siehe www.fotomonat.de