Abbruch ins Ungewisse

Abschalten, und dann? Als Reaktion auf Fukushima wurden in Deutschland mehrere Atomkraftwerke abgeschaltet. Die Lichter brennen noch und sie werden auch weiterhin brennen. Einige Reaktoren werden abgeschaltet bleiben. Aus technischen Grossbauten werden gigantische Industrie-Ruinen. Was geschieht mit ihnen? Vor 20 Jahren wurde erstmals in Deutschland ein Atomreaktor abgerissen. VISUM-Fotograf Wolfgang Steche begleitete 3 Jahre lang das schwierige Unterfangen mit der Kamera. Vor fast 20 Jahren, 1992, veröffentlichte die Zeitschrift GEO eine große Reportage von ihm.

Der Abriss war eine Weltpremiere. Zum ersten Mal wurde ein Atomkraftwerk komplett demontiert. Es handelte sich um eine Anlage im bayerischen Niederaichbach. Im Vergleich zu den neueren Reaktoren handelte sich bei dieser Anlage um einen "KKW-Zwerg", wie GEO damals schrieb. Die Anlage hatte eine Leistung von 100 Megawatt und war nur wenige Tage in Betrieb. Dennoch: im Inneren gab es eine radioaktive Strahlung. "Was tun mit einer strahlenden Ruine, die keiner haben will? Die Erbauer jedenfalls wußten keinen Rat", schrieb GEO.

 

 

 

 

Der erste Abriss eines Atomkraftwerks fand internationales Interesse. Wolfgang Steches Reportage wurde in ausländischen Magazinen nachgedruckt wie hier in einer südkoreanischen Ausgabe des GEO-Magazins.

 

 

 

1987 begannen die Abrißarbeiten. Der heikle Teil der Arbeit war die Demontage des Reaktorkerns. Sie erfolgte ferngesteuert. Die Arbeiten galten als spektakuläres technisches Abenteuer. Kosten- und Zeitpläne liefen aus dem Ruder. Die Atomanlage wurde in kleine Teile zerlegt und in Endlager-Container verpackt und anschliessend in ein Zwischenlager transportiert. Denn, so schrieb damals GEO, "Niemand weiß, wohin mit dem strahlenden Müll". Heute, 20 Jahre später, ist die Endlagerung immer noch nicht geklärt. Und so lange wird man sich an die neuen Industrie-Ruinen gewöhnen müssen. Denn weitere Abrisse sind bei ungeklärter Endlagerung unwahrscheinlich. Die Geschichte des Abrisses wurde im GEO-Heft Nr.8 1992 veröffentlicht.

 

 

 

"Abbruch ins Ungewisse". Die Ausgabe von GEO im August 1992.

 

 

Die Fotos erinnern an einen Science-Fiction Film. Fotograf der Reportage war Wolfgang Steche. Er war schon vor dem GEO-Auftrag "am Thema dran". 1987 hatte er im Radio erstmals vom Kraftwerks-Abriss gehört. Es folgten hunderte Telefonate um eine Fotoerlaubnis zu erhalten. Diese erhielt er schliesslich, da das Magazin der Lufthansa, "Lufthansas Germany", am Thema interessiert war. Wolfgang Steche konnte die Vorbereitung des Projekts fotografieren, die ebenfalls spektakulär waren. Denn der Reaktorkern wurde im Maßstab 1:1 nachgebaut, um Schritt für Schritt den Abriss zu simulieren. Nach der Veröffentlichung bei Lufthansa und rechtzeitig zu Beginn der "heißen" Phase des Abrisses schlug Wolfgang Steche das Thema bei GEO vor, die ihm darufhin einen Fotoauftrag erteilten. Es war Wolfgang Steches dritte große Reportage im GEO-Magazin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Fotos:
copyright by Wolfgang Steche / VISUM