63 Portraits, 1 Fotograf: Geschichte eines Fotoprojekts
Vor wenigen Monaten wurde der 20. Jahrestag der Wiedervereinigung gefeiert. Ähnlich wie schon ein Jahr zuvor beim Jahrestag des Mauerfalls, gab es ein großes Medienecho. Bei der ganzen Berichterstattung erfuhr man viel über die DDR und über die Mauer. Über die Aktivisten der Friedlichen Revolution erfuhr man dagegen wenig. Wer waren sie und was machen sie heute? Auch der in Dortmund lebende VISUM-Fotograf Dirk Vogel fand die treibenden Personen des Mauerfalls zuwenig gewürdigt. In einem großen Fotoprojekt wollte er sie 20 Jahre danach portraitieren. Herausgekommen ist ein Buch und eine Wanderausstellung. Ein Buch und eine Ausstellung streben viele Fotografen an. Dirk Vogel beschreibt im VISUM-Blog wieviel Arbeit sich hinter beidem verbergen:
Den Mauerfall am 9. November 1989 habe ich sehr bewusst erlebt, als Wehrpflichtiger in einem Panzerartilleriebataillon der Bundeswehr
in Niedersachsen.In den Monaten davor verließen die Bürger der DDR zu Tausenden ihr Land und kamen als sogenannte "Übersiedler" in die Bundesrepublik. Für ihre erste Unterbringung und Versorgung wurden auch Unterkünfte in Kasernen bereitgestellt. In unserer Kaserne bekam die 2. Batterie Sonderurlaub und die 3. Batterie, in der ich war, musste ihre Unterkunft räumen, die direkt am Kasernentor lag, und in den Block der zweiten Batterie ziehen. Erst waren wir Wehrpflichtigen verärgert, das nicht wir,
sondern die Kameraden frei bekamen, dann aber gingen wir mit einer Art Aufbruchstimmung ans Werk, um es für die "Brüder und Schwestern von drüben" wohnlich zu machen. Sogar die Waffenkammer wurde aufgelöst, jedes Gewehr in Ölpapier eingeschlagen, in Kisten verpackt und abtransportiert. Wohin, das wurde uns nicht gesagt. Sehr symbolträchtig: Die DDR implodiert und wir auch! Wir brauchten keine Waffen mehr.

Dann kam der 9. November, die Mauer fiel. Morgens am 10. November Bataillonsapell, Ansprachen, Fahnen, Deutschlandlied. Uns war allen bewusst, jetzt passiert Geschichte. "Übersiedler" kamen dann nicht mehr in unsere Kaserne. Aber auch die Waffenkammer wurde nicht wieder bestückt und die 2. Batterie blieb bis zum Ende des Jahres, das auch das Ende unseres Wehrdienstes war, im Urlaub.
Vor einigen Jahren las ich eine Zeitungsmeldung, das bei Führungen im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen sich früherere
Stasimitarbeiter unter die Besucher mischten und gegen die meist ehemalige Opfer des SED Regimes regelrecht pöbeln, die die Besucher führen. Das empörte mich sehr. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich außer wenigen Prominenten, niemanden aus der ehemaligen DDR Opposition kannte, und diese im Alltag der heutigen Bundesrepublik kaum Beachtung finden, außer bei offiziellen Jubiläumsfeiern. So kam mir die Idee für eine Serie über die "Gesichter der friedlichen Revolution".

Erika Dress
Über die Robert-Havemann-Gesellschaft bekam ich Kontakt zu Erika Drees und besuchte sie in Stendal. Von ihr machte ich das erste
Portrait. Erika Dress beeindruckte mich in ihrer politischen Haltung und mit ihrer idealistischen Lebensweise, die ich zwar nicht teile aber durch ihre Persönlichkeit sehr respektiere. Die Begegnung mit Erika Dress und ihr Portrait war der Grundstein für diese Arbeit. In diesem Buch sind 63 Portraits. Sie sind eine Serie. Aber ich mache keine seriellen Portraits. Für jeden Menschen strebe ich ein individuelles Bild an. Ich unterwerfe den einzelnen Menschen nicht einem vorgedachten Konzept.


Meine Portraits fotografiere ich klassisch auf Schwarzweißfilm mit Leica M Sucherkameras, eine M3 aus dem Jahre 1956 und eine M2 Baujahr 1963 um ganz genau zu sein. Aber das tue ich nicht um mein Thema zu historisieren, sondern wegen der speziellen Ästhetik, der Abstraktion und der Konzentration auf das Wesentliche. Für mich wird in Schwarzweiß der Charakter, der Menschen, aber auch der Situation und der Dinge deutlicher. Die Bilder entstehen oft und idealerweise aus dem Dialog miteinander und in einem von der Person gewählten Umfeld und mit dem vorhandenen Licht.
Manche der hier Portraitierten nahmen sich dafür Stunden und einige nur Minuten. Das Bild von Erika Dress ist ein sehr gutes Beispiel für
meine Arbeitsweise: Es ist aus dem Gespräch heraus beim Kaffeetrinken entstanden mit der journalistischen 35mm Brennweite, die das Umfeld noch mit abbildet. So ist meine Kaffeetasse mit drauf, aber vor allen auch Versatzstücke, die auf Erika Dress Glauben und ihre Friedensarbeit schließen lassen. Durch diese Arbeitsweise muß ich in der Aufnahmesituation oft improvisieren, auf die Befindlichkeit des Menschen gegenüber, den Ort und das Licht eingehen und auch Störendes im Hintergrund mit in die Komposition einbeziehen oder den Schatten eines Brillenbügels im Gesicht des Portraitierten hinnehmen - visuelle Wahrhaftigkeit des Augenblicks.

Rainer Müller
Alle Portraits sind mit den Brennweiten 35mm und 50mm fotografiert. Es gibt zwei Ausnahmen. Beim Portrait von Rainer Müller schien mir das klassische Portrait-Teleobjektiv mit 90mm Brennweite angebracht um seinen Kopf formatfüllend aufzunehmen. Siegbert Scheffkes Portrait dagegen habe ich im Stil der amerikanischen Streetphotography eines Gary Winogrand mit dem 21mm Superweitwinkel Objektiv fotografiert. Die Straßenbahnhaltestelle, die Zeit, das gleißende Sonnenlicht, ständig durchs Bild laufende Menschen auf dem Weg zur Bahn, alles war für ein "ordentliches" Portrait ungünstig, und der Kirchturm im Hintergrund sollte auch noch mit drauf. Von dort filmte Siegbert Schefke zusammen mit Aram Radomski die entscheidende Montagsdemonstration in der "Heldenstadt" Leipzig am 9. Oktober 1989. So entstand ein Portrait gegen alle Regeln und Sehgewohnheiten.

Gesine Oltmanns
Wolfgang Templin
Ein gutes Beispiel für das 50mm Objektiv sind die Portraits von Gesine Oltmanns und Wolfgang Templin. Gesine Oltmanns setzte ich an denTisch und war einfach "da", ich mußte nur auslösen. Bei Wolfgang Templin ist das Portrait aus dem Gespräch heraus entstanden, das den gazen Nachmittag ging, aber beim Fotografieren habe ich gemerkt, das jetzt der "entscheiden Augenblick" passiert. Ich habe fünf Filme bei ihm belichtet aber nach Durchsicht der Negative und Kontakte nur diesen einen Abzug gemacht.
Die 63 Portraits waren nicht nur 63 Termine, sondern 63 Begegnungen. Ich habe viel über unsere jüngere Geschichte, das Leben und den
Widerstand in der DDR erfahren und die unterschiedlichsten Meinungen und Standpunkt gehört und viel gelernt. Mit nicht wenigen Menschen bin ich über den Fototermin hinaus in Kontakt geblieben. Und das ist eine große Bereicherung. Bei der Realisierung dieses Projektes hat mir die Robert-Havemann-Gesellschaft in Berlin geholfen. Sie verwaltet u.a das Archiv der DDR Opposition hat die Projektgelder besorgt. Gefördert wurde das Buch und die Ausstellung vom Bundesministerium des Innern und der Bundesstiftung Aufarbeitung.

Aber bei diesem Projekt klappte alles erst im zweiten Anlauf! Mal wurden Gelder gestrichen und mußten wieder neubeantrag werden, diverse Autorinnen sagt die Texte zu und sprangen wieder ab. Und das Buch mußte sogar zweimal gedruckt werden, weil beim ersten Druck wegen Schneechaos niemand von uns dabei sein konnte, und das Papier nicht geeignet war. Beim zweiten Druck war ich selber 16 Stunden in der Druckerei und habe jeden Druckbogen mit meiner Unterschrift abgenommen. Die Mühe hat sich sehr gelohnt. Obwohl es "nur" einfarbig Schwarzweiß gedruckt wurde, ist das Ergebnis sehr gut. Meine Erfahrung danach: Der Fotograf muß zwingend beim Druck dabei sein!

Das erste Portrait entstand also 2007 und der Bildband wurde im März 2011 fertig. Die allermeisten Portraits sind in 2009 fotografiert. Sechs Bilder habe ich in 2010 gemacht, darunter Wolf Biermann, um den sich die Robert-Havemann-Gesellschaft zehn Monate bemüht hatte. Und im
Nobember 2010, zehn Tage vor der eigentlichen Deadline noch mal ein Portrait von Marianne Birthler, weil ich mit dem ersten Ergebnis sehr unzufrieden war. Zum Glück weiß man vorher nie was auf einen zu kommt. Allein den Antrag für die Projektfinanzierung zu schreiben, ist für jemanden, der in so bürokratischen Dingen keine Erfarung hat Horror! Ich mußte sogar angeben, mit welchen Film ich fotografieren will und alle Kilometer der möglichen Fahrten, die ich wegen der Portraits mache ausrechnen. Sehr positiv war dann aber, das mir völlig freie Hand bei
meiner Fotografie gelassen wurde, es gab während des gesammze Projekte nur eine Handvoll Meetings. Als alle Fotos gemacht waren gab es zwar eine Art Redaktionssitzung wo man gezielt einige Foto kritisierte und in Frage stellte, letztlich konnte ich mich aber bei allen Bildern überzeugend durchsetzten. Außer bei einem, da habe ich die Auswahlvergrößerungen noch mal durchgesehen und fand ein besseres Bild.


Und um so schöner ist jetzt, das fertige Buch zu haben und die tollen Reaktionen der Portraitierten zu bekommen. So hat mir Stephan Krawczyk für mein "schönes Foto" ein "schönens Lied" als MP3 per email geschickt und Antje Böttger hat mir selbstgemachte Marmelade zur Buchpräsentation nach Leipzig mitgebracht, weil sie sehr glücklich mit ihrem Foto ist.
Stephan Krawczyk
Wolf Biermann
Marianne Birthler

Copyright Fotos und Text: Dirk Vogel / VISUM, 2011
Ausstellung
Vielen Dank für den Post, liebe Kollegen!
Die Ausstellung ist übrigens in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasiknast.
Die 30 Portraits sind noch bis 15.5.2011 zu sehen.