Jürgen Pollak: Stille Städte

Jürgen Pollak: Stille Städte
"Eine Stadt verwandelt sich nachts in ihr eigenes, in Pappmaché nachgebautes Bühnenbild, wie in einem Studio."
Flirrendes, großstädtisches Nachtleben? Nächtliche Milieustudien? Nein. Auch kein sentimentalisierender Blick auf eine scheinbare Nachtidylle. Was uns in Jürgen Pollaks Nachtaufnahmen begegnet, sind unspektakuläre Ansichten des Komplexes Stadt, die uns bekannt vorkommen. Allzu bekannt vielleicht, und zugleich so fremd, so voll von überraschenden Details, dass wir aufgefordert sind, sie immer wieder mit dem Auge abzutasten.
Was sonst bei Tag wie auch bei Nacht beherrscht, scheint darin auf wundersame Weise ausgeblendet: Die Straßen und Verkehrsknotenpunkte wirken auf diesen Bildern wie leergefegt, zum Stillstand gebracht mit der Kamera. Die Plätze und Fußgängerzonen, sonst erfüllt von Nachtschwärmern jeder Couleur, sind hier in atemlose Stille getaucht, als hätte jemand das Leben selbst angehalten.
In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte Brassai in seiner Fotoserie vom nächtlichen Paris den Blick auf die surrealen Aspekte der Nacht gelenkt. Seine Aufnahmen beschäftigten sich bereits mit den tiefgreifenden Veränderungen, die sich durch die Elektrifizierung der Städte ereigneten: Der Handlungsspielraum des Menschen hatte sich bis weit in die Nacht hinein ausgedehnt. Der nächtliche Rückzug in die Geborgenheit des privaten Raums war dem Ausschweifen ins anonyme Nachtleben der Großstadt gewichen. Die Nacht hatte sich in einen gesellschaftlichen Raum verwandelt, in dem Schein-werfer eine Scheinwelt inszenierten, die zur Bühne der Nachtschwärmer und Flaneure wurde – eine Fiktion, die sich der Erfahrung von Finsternis mit einer besonderen Lebhaftigkeit entgegenstellte und die Entwicklung der Nachtfotografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich bestimmte.
Jürgen Pollak stellt dieser modernen Inszenierung der Nacht eine weitere fiktive Welt an die Seite, aus der scheinbar alle Spuren menschlichen Alltags verschwunden sind. Eine grell ausgeleuchtete Bühne großstädtischer Selbstinszenierung, die zur Kulisse erstarrt ist. Was sich bei Tag hell und voller pulsierendem Leben zeigt, erscheint auf den Nachtbildern Pollaks modellhaft und verlassen. Die vertrauten Straßen und Plätze liegen in einem unwirklichen Licht und wir glauben Orte wiederzuerkennen, die real so nie zu sehen sind. Was tagsüber im Schatten liegt, erscheint bei Nacht in gleißendem Licht: Unterführungen, Hauswinkel, Durchgänge, Tunnel. Ihre intensive Beleuchtung setzt sich ab gegen den dunklen Nachthimmel, von dem selbst die letzten Sterne verschwunden sind.
Natürlich handelt es sich um konstruierte Bilder, auch – oder gerade weil sie Dinge abbilden, die uns bekannt erscheinen. Der Eindruck der Konstruiertheit bleibt immer präsent in der Absicht, den Moment des Wieder-erkennens umzukehren und das Bekannte fremd und
surreal erscheinen zu lassen. Dass diese surrealen
Qualitäten einer tatsächlich bestehenden Stadtarchitektur und ihrem teilweise absurden Nebeneinander von historischen und modernen Bauten entsprechen, ist eine Voraussetzung für Pollaks Fotografie, jedoch nicht ihr zentrales Thema. Dem Fotografen geht es um eine nüchterne Bestandsaufnahme dessen, wie sich die Stadt an ihren prominentesten oder neuralgischsten Stellen präsentiert. Gelenkt und verfremdet wird dabei der Blick, nicht das Motiv.
Die Fotografie erfindet damit ein Bild von der Wirklichkeit, blendet einen bestimmten
Kontext aus, um einen anderen hervorzuholen und zu akzentuieren. Jürgen Pollak geht noch einen Schritt weiter, indem er eine digitale Technik einsetzt, die in der Lage ist, etwas abzubilden, das unser Auge so gar nicht wahrnehmen kann. Bedingung dafür ist, dass die fotografische Aufzeichnung dieser Stadtansichten bei voller Beleuchtung – ohne Publikum – inszeniert werden kann. Denn, so absurd diese Versuchsanordnung scheint,
Pollaks Fotos sind Bilder in Szene gesetzter Großstädte, die erst im Moment der Abwesenheit ihres Publikums – bei Nacht – ihre Strukturen offenbart und ihre teilweise skurrilen architektonischen Konstellationen erkennen lässt, die ihr Wesen ausmachen. So erfahren wir erneut, dass „die Stadt sich nachts in ihr eigenes, in Pappmaché nachgebautes Bühnenbild verwandelt, wie in einem Studio“ – wenn auch nur für einige Minuten Belichtungszeit.* zit.n. Brassai, Vom Surrealismus zum Informel
(Ausst.kat.: Rupertinum Salzburg 1994, S. 91)Dr. Andrea Jahn