Frank Rothe: Running Through The Wind

Frank Rothe: Running Through The Wind
Ein Traum
Am Tag, als ich die Arbeiten von Frank Rothe sah, war ich sofort wieder das kleine Mädchen, das mit anderen Mädchen zusammen kichert, in uns die Unbeschwertheit des Sommers. Für einen Augenblick war ich wieder Kind in einem Pionierlager. In diesen Sommercamps war jede Stunde geplant. Individuelle Freiräume gab es selten. Jeder Tag hatte einen vorgegebenen Ablauf. Die Gruppe stand an erster Stelle. Ich war nur Teil eines Ganzen, des Kollektivs. Wollte ich spielen, sollte ich vielleicht gerade schwimmen oder schlafen gehen. Es gab immer ein Ziel und das jeden Tag. Und der Frühsport, wie habe ich ihn gehasst, stand am Anfang eines jeden Tages. Da durfte niemand rumtrödeln. Vielleicht hat das aber auch zusammengeschweißt. In so einem Camp wird man für wenige Wochen aus seinem sozialen Umfeld und der familiären Geborgenheit herausgerissen. Man muss sich neu behaupten.
In Rothes Fotografien finden sich diese Momente, in denen Menschen zusammen sind, die sich im Alltag nie begegnen würden. Hier leben sie in einem Zimmer und müssen miteinander zurecht kommen. Melancholie, Sehnsucht, Liebe und Einsamkeit spielen daher eine große Rolle.
Rothes Fotografien beinhalten verschiedene Ebenen, die er mit Schärfe und Unschärfe hervorhebt, im Vordergrund Ruhe und im Hintergrund Aktion oder vice versa. Die Fotos ziehen in Geschichten hinein, die nie ganz entschlüsselt werden, da uns oft nur kleine Ausschnitte gezeigt werden und der Betrachter die Lücken selbst ergänzen muss. Das macht „Running Through The Wind“ so geheimnisvoll. Jeder kann seine eigene Geschichte in den Bildern suchen.
Bemerkenswert ist auch die fehlende Zeitebene in Rothes Arbeiten. Der Sommer wirkt endlos und könnte genau so gut vor 20 oder 30 Jahren gewesen sein. Die Sonne fällt durch die Bäume und bildet Lichtflecken, ein endlos immer wiederkehrender Traum, der nur auf einigen Motiven durch einen Walkman oder ein Handy im Bild gebrochen wird.
„Running Through The Wind“ ist ein Projekt, das vollkommen für sich steht. Für diese Arbeit gibt es keinen Vergleich in der Fotografie, den ich heranziehen möchte. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, welches in keiner Schublade landen wird und auch in keiner etwas verloren hat. In den Bildern spürt man große Gefühle, begegnet einem Licht und einer Farbigkeit, die oft an Gemälde heranreicht. Sie sind unverstellt, naiv und echt. So etwas sieht man viel zu selten.Steffi Schulze / Gallery Manager - Camera Work Berlin